Hass im Netz – und was wir tun können

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Als der FC Bayern München am Samstag sein zweites Vorbereitungstestspiel gegen Ajax bestreitet, vergibt Angreifer Joshua Zirkzee kurz vor der Halbzeitpause eine Riesenchance zur 2:1-Führung. Im Internet erfährt er daraufhin so viel Hass, dass er auf Instagram alle seine Beiträge archiviert.

Es ist wohl die kurioseste Szene des Tages: Beim Spielstand von 1:1 erobert Bayern-Stürmer Joshua Zirkzee den Ball und läuft frei auf das Tor von Ajax zu. Technisch sauber legt er das Leder am Torwart vorbei und muss nur noch einschieben. Statt seine gelungene Aktion aber zu veredeln, nimmt er Tempo aus seiner Aktion und wird kurz vor der Torlinie noch abgegrätscht. Vermutlich war sich der erst 20-Jährige zu sicher.

Sein Trainer, Julian Nagelsmann, nahm es nach dem Spiel gelassen: „Ich denke, dass er in einem Pflichtspiel – oder ich hoffe es – eine andere Seriosität hat in dieser Situation.“ Er werde jetzt aber nicht gesondert das Gespräch mit ihm suchen. Denn: „Er hat es nicht mit Absicht gemacht.“

Anders scheinen das einige Bayern-Fans zu sehen, die bereits während des Spiels und kurz danach Hasskommentare unter den Instagram-Beiträgen von Zirkzee verbreiten. Von harten Beleidigungen, über Rassismus bis hin zu unschönen Wünschen für seine Zukunft ist alles dabei. Wenig später ist das Profil des Bayern-Profis leer. Zirkzee hat mittlerweile alle seine Beiträge auf Instagram archiviert.

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Das Ausmaß von Hass im Internet

Hass ist eines der ganz großen Themen, wenn es um den Umgang mit Internet und den sozialen Netzwerken geht. Auch in vielen Schulen hat die Sensibilisierung dafür immer mehr Priorität erhalten. Denn die Zahlen sind erschreckend: Rund ein Drittel der an einer repräsentativen Studie teilnehmenden Jugendlichen gaben 2016 an, dass im Bekanntenkreis schon mal jemand im Internet „fertig gemacht wurde“.

2017 hatten in der Studie „Cybrelife II“ rund 69 % der befragten Jugendlichen angegeben, dass sie schon mal im Internet beleidigt wurden. 24 % wurden sogar schon bedroht, erpresst oder unter Druck gesetzt. Etwa 20 % der Betroffenen hatten Suizidgedanken.

Es ist bemerkenswert, dass innerhalb nur eines Jahres die Zahlen zweier Studien sehr weit auseinandergehen. Einerseits die 69 %, die 2017 angaben, dass sie mal im Internet beleidigt wurden. Andererseits rund ein Drittel (34 %), die im Jahr zuvor im Bekanntenkreis erlebt hätten, dass jemand „fertig gemacht“ wurde. Dass die Zahlen so unterschiedlich sind, kann an der Durchführung der Studien, aber auch an den gestellten Fragen liegen. Wie definieren Jugendliche „fertig machen“? Zählt eine vermeintlich harmlose Beleidigung unter einem Instagrampost schon dazu?

Hass darf nicht normalisiert werden

Es ist gefährlich, dass vereinzelte Beleidigungen in der Gesellschaft normalisiert sind. Im Fall Zirkzee gab es Reaktionen, die suggerierten, dass er das als Profi abkönnen müsse. Er verdiene schließlich Millionen und es sei sein Job, den Ball im Tor unterzubringen. Wenn er das auf so kuriose Art und Weise nicht schaffe, müsse er mit dem Gegenwind leben.

Nicht die vergebene Chance von Zirkzee ist aber das Problem, sondern genau diese Einstellung. Kein Geld der Welt schützt einen Menschen vor der psychischen Belastung, die Hasskommentare auslösen (können). Zwar sind die mentale Belastung und der damit verbundene Leistungsdruck Teil der Begründung dafür, dass Fußballprofis absurd viel Geld verdienen und gerade bei einem Klub wie dem FC Bayern gibt es stets eine professionelle Anlaufstelle für solche Fälle, aber das rechtfertigt trotzdem keinen Hass und keine Beleidigungen.

Es darf nicht normal sein, dass Menschen im Internet ihren Frust und ihren Hass an anderen Menschen auslassen. Oder anders: Es darf nicht als Teil eines (teilweise) öffentlich geführten Lebens akzeptiert werden – weder bei Schüler:innen, die sich einen Account anlegen, noch bei Fußballprofis. Denn dann nehmen wir es hin, dass diese negative Energie die Psyche von Mitmenschen angreift und großen Schaden anrichten kann.

Verantwortung bei den Betreiber:innen?

Nicht die Person, die sich einen Account in einem oder mehreren sozialen Netzwerken erstellt hat, nicht ihr Content oder ihre vermeintlichen Fehler sind das Problem, sondern jene, die meinen, dass eine Beleidigung, egal wie harmlos sie auch wirken mag, eine Berechtigung unter dem Post eines Menschen hat – die sind das Problem.

Der Umgang damit ist kompliziert. Insbesondere dann, wenn eine Vielzahl solcher Kommentare auf eine:n einprasseln. Zumal Facebook, Twitter und Co. bisher nur wenige gute Lösungen präsentiert haben, um ihre Plattformen sicherer und hassfreier zu gestalten. Stattdessen kommen User:innen immer wieder mit Beleidigungen durch, weil die entsprechenden Meldungen zu oft versanden.

Eigentlich ist die Frage danach, was man dagegen tun kann, ganz leicht zu beantworten: Ein großer Teil der Verantwortung liegt bei den Betreiber:innen selbst. Sie müssen härter an Lösungswegen arbeiten – oder zumindest ein ernsthaftes Interesse daran entwickeln, rigoroser gegen Hass vorzugehen. Doch damit allein ist es nicht getan. Auch wir als User:innen haben eine Verantwortung, wenn wir im Internet kommunizieren.

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Strategien im Umgang mit Hass

Weil Beleidigungen eben normalisiert sind und wir einzelne Kommentare als „Trollerei“ abtun, fehlt den negativen Kommentaren oft ein positiver Gegenpol. Wir liken vielleicht das Bild, lesen ein paar Kommentare und ziehen dann weiter. Der Hasskommentar bleibt aber stehen – und das mit größerer Reichweite als wenn er in einer größeren Menge untergehen würde. Mehr Positivität zu verbreiten bedeutet, häufiger dann zu kommentieren, wenn man etwas gut findet oder wenn man jemandem mitteilen möchte, dass ein Fehler nicht so schlimm ist.

Das bedeutet nicht, dass man jemandem wie Zirkzee jetzt hundert Herzemojis unter seinen nächsten Post schmeißen muss. Kritik ist immer im Rahmen des Sagbaren. Sobald aber Beleidigungen im Spiel sind, sollte die eigene Kritik vielleicht erstmal hintanstehen. Denn wenn unter zehn vermeintlich kritischen Posts neun Beleidigungen vorkommen, wirkt der eine sachliche Post ebenfalls anders auf die betroffene Person. Zu einem sensiblen Umgang gehört auch die Frage danach, warum eine Person wie auf etwas reagiert – und ihre Gefühle nicht klein zu machen.

Es ist auch nicht immer die richtige Reaktion, dem Hass die volle Aufmerksamkeit zu schenken, indem man direkt darauf antwortet. Das kann vor allem bei vereinzelten Kommentaren dazu führen, dass ihnen plötzlich mehr Bedeutung beigemessen wird, als sie verdienen. Wenn jedoch viele Kommentare in dieselbe Richtung gehen, kann es durchaus sinnvoll sein, betroffenen Personen zu signalisieren, dass sie nicht alleine sind. Das sollte wiederum immer mit Sachlichkeit geschehen. Niemandem ist geholfen, wenn Hass mit Hass bekämpft wird. Oft werden Hasskommentare schon dadurch entkräftigt, dass man ihnen mit Ruhe, Fakten und guten Argumenten begegnet. Vielleicht nicht bei der Person, die den Hasskommentar verfasst hat, aber bei vielen, die den Beitrag lesen.

Verschiedene Anlaufstellen

Um sich klar gegen Hass zu positionieren, kann es also in jeder Situation unterschiedliche Lösungswege geben. Mal ist ein Kommentar sinnvoll, mal weniger. Ansonsten gibt es aber auch ohne einen direkten Kontakt mit der betroffenen Person oder auch als selbst betroffene Person einige Handlungsmöglichkeiten: Die Seite „Hass im Netz“ bietet beispielsweise eine Meldefunktion an – bezieht sich dabei aber vor allem auf extremistische Inhalte und nicht auf Cybermobbing. Bei Cybermobbing und vielen anderen Themen ist „klicksafe.de“ eine gute Anlaufstelle. Hier wird breit darüber informiert, wie man entsprechende Beiträge melden kann, oder welche Möglichkeiten beispielsweise Eltern und Kinder haben, um sich zu schützen.

Für Betroffene gibt es zudem viele Beratungsstellen. Eine davon ist „HateAid“, die kostenlos und unverbindlich Hilfe bei der Erfahrung von Hass und digitaler Gewalt anbietet. Auch hier gilt: Die Auswirkungen von Hasskommentaren werden unterschätzt – selbst von Betroffenen. Sich Hilfe zu holen, kann sehr wertvoll sein. Genauso sollte man nicht davor zurückschrecken, User:innen zu blockieren oder ihnen zu entfolgen, wenn sie negative Gefühle verursachen.

Eine durchaus drastische, aber immer noch viel zu selten angewandte Strategie gegen Hasskommentare ist die Möglichkeit der Anzeige. Wer sich unsicher ist, ob ein Kommentar angezeigt werden sollte, kann sich bei „Hass im Netz“ und der „Internet-Beschwerdestelle“ informieren und Inhalte prüfen lassen.

Vor dem Absenden: Ein paar Sekunden Selbstreflexion

Es mag ein großer Bogen sein, den ich jetzt von der vergebenen Chance von Joshua Zirkzee bis hier hin gespannt habe. Aber es ist erneut ein guter Anlass dafür, um darauf aufmerksam zu machen, was Kommentare anrichten können. Das betrifft nicht nur explizite Beleidigungen.

Ist es wirklich notwendig, einem Menschen unter seinem Beitrag zu schreiben, dass er sich einen neuen Job suchen sollte, weil er den jetzigen offensichtlich nicht gut genug macht? Was willst du mit einem solchen Kommentar bezwecken? Geht es dir da wirklich um Kritik, oder willst du einfach nur Frust ablassen und nimmst dabei in Kauf einen anderen Menschen zu verletzen?

Vor dem Absenden eines Kommentars solltest du dir immer die Frage stellen, welchen Zweck er erfüllt und ob du in der Empfängerrolle mit diesem Kommentar etwas anfangen könntest, oder ob er dich nicht doch verletzen würde. Diese paar Sekunden Selbstreflexion können wertvoll sein.




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

Titelbild: Canva Pro Lizenz

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