EM-Notizen, Tag 13: Torhüterinnen im Aufschwung – Daphne fun Domselaar

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Beim 4:1-Sieg der Niederländerinnen gegen die Schweiz stand es lange 1:1 – es ist unter anderem Daphne van Domselaar zu verdanken, dass Oranje nun im Viertelfinale steht. Die 22-Jährige ist eines von vielen Beispielen dafür, dass Torhüterinnen immer besser werden. Die EM zeigt das sehr deutlich.

Nach dem 7:0-Erfolg der Deutschen gegen die Schweiz oder auch nach dem Champions-League-Viertelfinale zwischen dem FC Bayern München und Paris Saint-Germain wurden wieder einige Diskussionen entfacht, die den Fußball der Frauen seit Ewigkeiten begleiten. In beiden Spielen flogen hohe Bälle von außen ins Tor. Torhüterinnen wären zu klein, die Tore zu groß, es würde zu viele Fernschusstore geben – meist kommt diese Art der Kritik von Männern. Wenn Thomas Müller in der Champions League hingegen einen Ball ins Tor flankt, ist er ein Genie.

Tatsächlich lässt es sich kaum abstreiten, dass die Fehlerquote bei hohen Bällen und Fernschüssen höher ist als im Fußball der Männer. Aber was ist das überhaupt für ein absurder Vergleich? Einer, der den Fußball der Frauen abwerten soll. Einer, der Entwicklungen unter sehr verschiedenen Bedingungen ignoriert.

Das betrifft nicht vorrangig die Körpergröße oder die Biologie, wie manche gern anführen, sondern die Strukturen. Ich habe bisher von noch keiner Profi-Torhüterin gelesen oder gehört, dass sie sich kleinere Tore wünscht. Das ist für mich entscheidend und nicht das, was Männer im Internet als die große Lösung präsentieren. Mir ist auch keine Profi-Spielerin bekannt, die kleinere Spielfelder, weniger Spielzeit oder derartiges einfordert. Frauen wollen Fußball spielen – gleichberechtigt und gleichbehandelt.

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EM: Torhüterinnen entwickeln sich enorm weiter

Ab von dieser aus meiner Sicht überflüssigen Diskussion über Anpassungen möchte ich aber vor allem auf die positive Entwicklung eingehen, die ich seit einigen Jahren beobachte. Gute Torhüterinnen gab es schon immer. Das betrifft übrigens auch alle anderen Positionen. Die Weltspitze war bereits in den 1990er Jahren und 2000er Jahren zu sehr besonderen Leistungen fähig.

In den letzten Jahren erleben wir aber riesige Fortschritte. Ehemalige Spielerinnen sprechen von einem anderen Sport im Vergleich zu früher, weil die Profis heute eine ganz andere Athletik haben. Die Weltspitze ist breiter geworden – und das auf nahezu allen Ebenen. Strukturen, vernünftige Ausbildung, professionelle Trainingsarbeit – Equal play macht sich eben bezahlt.

Auch bei den Torhüterinnen ist das der Fall. Wie Merle Frohms gegen Spanien durch den Strafraum flog, um einen gefährlichen Abschluss der Spanierinnen aus kurzer Distanz zu parieren – schon jetzt eine der Szenen der EM.

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Auch Finnlands Tinja-Rikka Korpela, die ihr Team immer wieder vor größeren Rückständen bewahrt hat, ist ein gutes Beispiel. Manuela Zinsberger ist bisher vielleicht die Torhüterin des Turniers. Sie hielt Österreich nicht nur gegen England, sondern auch gegen Norwegen mehrfach im Spiel. “Wir sehen gerade das beste Torhüterinnen-Level, das wir jemals hatten”, sagte die ehemalige englische Nationaltorhüterin Rachel Brown-Finnis im Gespräch mit The Athletic.

Torhüterinnen auch bei der EM 2022 sehr stark

Keine Torhüterin fällt bisher so richtig ab bei dieser Europameisterschaft. Und das ist ein tolles Zeichen. Mit Ines Pereira (Portugal) und Gaelle Thalmann (Schweiz) gibt es beispielsweise auch recht kleine Spielerinnen, die nicht über die 1,70 m hinauskommen. Vor allem bei Pereira war das hin und wieder ein Problem. Ihr Trainer soll sie auch deshalb im letzten Spiel auf die Bank gesetzt haben.

Ihre Sprungkraft ist aber beeindruckend. Die 23-Jährige hatte einige sehr starke Paraden. Zumal mir viel zu kurz kommt, dass die meisten Standardgegentore – und das sind bei diesem Turnier einige – wenig bis nichts mit den Torhüterinnen zu tun haben. Portugal kassierte auch gegen Schweden vier Tore nach Standards – von der Bank kann Pereira wohl kaum dafür verantwortlich gewesen sein.

Einerseits haben sich die taktischen Varianten der angreifenden Teams verbessert. Auf der anderen Seite beobachte ich mitunter eine Standardverteidigung, die schnell durch Verunsicherung und Hektik geprägt ist. Der Niveauunterschied zwischen den Top-Nationen und den kleineren Nationen ist hier vielleicht sogar am stärksten zu erkennen.

Teams wie Finnland oder eben Portugal können aus dem Spiel heraus sehr kompakt und taktisch clever verteidigen. Bei Flanken und Standards fiel es ihnen schwer, die richtige Zuordnung zu finden.

Daphne van Domselaar: Beispiel für den Aufstieg junger Torhüterinnen

Frohms und Zinsberger sind für mich aktuell die besten Torhüterinnen des Turniers. Eine habe ich bisher aber nur in Überschrift und Einleitung angeteasert: Daphne van Domselaar. Die 22-Jährige war im Kader der Niederländerinnen nicht als Stammtorhüterin eingeplant. Nach nur 22 Minuten musste sie gegen Schweden aber die verletzte Sari van Veenendaal ersetzen – und machte ihren Job seitdem großartig.

Drei Paraden im ersten Spiel, vier gegen Portugal und gegen die Schweiz sogar sieben! Darunter dieser wohl spielentscheidende Moment:

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Coumba Sow hatte die große Gelegenheit, die Schweiz mit 2:1 in Führung und damit womöglich ins Viertelfinale zu bringen. Der Abschluss war sicher nicht optimal, aber das war er auch deshalb nicht, weil van Domselaar sofort zur Stelle war. Sie kam rechtzeitig aus dem Tor, verkürzte den Winkel und riss die Arme mit tollen Reflexen nach oben.

“Daphne ist die Zukunft und es ist schön für sie, dass sie die Chance auf ein solches Turnier bekommt”, sagte Tommy Stroot der niederländischen Zeitung De Volkskrant. Der aktuelle Wolfsburg-Trainer hat beim FC Twente bereits mit van Domselaar zusammengearbeitet. Er bezeichnet sie als “reines Naturtalent”.

Van Domselaar: Die Zukunft gehört ihr

Und genau das ist sie. Ihr Stellungsspiel ist hervorragend und neben ihren starken Reflexen zeigt sie auch bei hohen Bällen keinerlei Angst. Van Domselaar zögert nicht, sondern folgt selbstbewusst ihrer in den meisten Fällen richtig liegenden Intuition. Sie beteiligt sich zudem aktiv am Spielaufbau, bietet sich in freien Räumen an, wenn sie merkt, dass die Verteidigerinnen eine weitere Option brauchen.

Van Domselaar ist schon in jungen Jahren eine vielseitige Torhüterin. Natürlich ist sie längst nicht am Ende ihrer Entwicklung angekommen. Luft nach oben gibt es für junge Spielerinnen immer. Das Grundniveau, das sie jetzt schon erreicht hat, ist aber bemerkenswert.

Es wäre eine große Überraschung, wenn ihr Weg nicht schon bald weit nach oben führt. Van Domselaar ist eines von vielen Beispielen dafür, wie das vermeintliche Torhüterinnen-Problem immer mehr zum Märchen wird.

Es wird auch in Zukunft simple Fehler, Fernschusstore oder Probleme nach hohen Bällen geben – so wie es Fehler in allen Bereichen des Lebens gibt. Es wird dann auch wieder Menschen geben, die das kritisch sehen. Wer die Entwicklung in den letzten Jahren eng verfolgt, kann aber aus meiner Sicht nicht zu dem Fazit kommen, dass Torhüterinnen ein großes Problem wären. Im Gegenteil: Diese EM zeigt einen weiteren Fortschritt. Bleibt zu hoffen, dass sich auch bei den Beobachtern (bewusst nicht gegendert) ein paar Vorurteile verabschieden.

Ausblick auf den EM-Tag

Heute finden bereits die letzten Gruppenspiele statt. Das bedeutet, dass wir danach nur noch sieben Spiele sehen. Das stimmt mich etwas traurig, weil die EM gerade so richtig Fahr aufnimmt. Frankreich wird im Viertelfinale auf die Niederlande treffen. Am Abend wird noch die letzte Teilnehmerin gesucht: Wer darf gegen Schweden ran?

Island muss gegen Frankreich eine sehr schwere Aufgabe lösen. Selbst eine 0:10-Niederlage könnte ihnen aber zum Weiterkommen reichen, wie der User “ToTheTop” im Rasenfunk erklärt. Achtung, Gehirnknoten drohen.

Im Parallelspiel trifft Italien auf Belgien. Sollte Island nicht gewinnen, reicht beiden Teams ein Sieg zum Viertelfinaleinzug. Eine sehr spannende Konstellation (mit dem kicker-Tabellenrechner erstellt).

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Weitere Beobachtungen

  • Ich bin ja heute etwas vom gesamtsportlichen Geschehen auf den Plätzen abgewichen. Das lag auch daran, dass mir beide Partien nicht sonderlich zugesagt haben. Am ehesten bin ich noch von den Schwedinnen beeindruckt, die sich von ihren spielerischen Problemen gar nicht verrückt machen lassen und mit all ihrer Erfahrung ganz abgezockt bleiben. Vier ihrer fünf Tore fielen nach Standards. Auch das ist dann eben eine Qualität. Im Viertelfinale wird Schweden in jedem Fall klar favorisiert sein. Es winkt ein Halbfinale gegen England oder Spanien.
  • Bei den Niederländerinnen bin ich von der Teamleistung weiterhin enttäuscht. Bezeichnend, wie auch Trainer Mark Parsons erst aufwacht, als er merkt, dass sein Team gegen Ende nochmal richtig viele Tore erzielen und so vielleicht doch noch Frankreich aus dem Weg gehen kann. Es wäre nicht verdient gewesen. Eher noch hätte sich die Schweiz ein engeres Ergebnis, vielleicht sogar das Weiterkommen verdient gehabt. Die Passivität in der Defensive und die Kopflosigkeit im Angriff sind sicher auch auf den einen oder anderen Ausfall zurückzuführen – aber nicht nur. Für Oranje könnte es gegen Frankreich ein böses Erwachen geben.
  • Ich habe mich bisher sehr zurückgehalten, was den Einsatz des VAR betrifft. Das wird auch so bleiben. Meine Unzufriedenheit darüber möchte ich aber nicht verstecken. Mir dauert das alles in der Entscheidungsfindung zu lange. Ich fordere keine Hektik und auch keine vorschnellen Entscheidungen, aber wenn es fünf Minuten braucht, um eine Abseitssituation aufzuklären, dann ist das auch bei komplexeren Situationen zu viel. Ich bin nicht kompetent genug, um Ursachenforschung zu betreiben oder Alternativvorschläge zu machen. Aber dass der Status-quo kein guter ist, ist auch für Laien wie mich zu sehen.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zur letzten EM-Notiz. Thema: Eine Vorschau auf Spanien gegen England.

Bild: © Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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