EM-Notizen, Tag 12: England gegen Spanien – Realitycheck oder Earpsenzählerei?

Veröffentlicht von Justin Kraft am

England trifft im Viertelfinale der Europameisterschaft auf Spanien. Ein echter “Kracher”, wie die Bundestrainerin Martina Voss-Tecklenburg es im ZDF bezeichnete. Das Spiel wird zeigen, wie gut England tatsächlich ist.

England hat bisher alle beeindruckt. Nach einem etwas holprigen Auftakt gegen Österreich gab es deutliche Siege gegen Norwegen (8:0) und Nordirland (5:0). Im Viertelfinale treffen sie nun auf Spanien. Die Spanierinnen erreichten mit einem mageren 1:0-Erfolg gegen Dänemark die Runde der letzten Acht.

Trotzdem wird genau dieses Duell offenbaren, wie weit England wirklich ist. Das viele Lob, das die Three Lionesses derzeit begleitet, ignoriert einige potenzielle Stolpersteine – und Spanien hat an einem guten Tag das Werkzeug, um die wenigen Schwächen der Gastgeberinnen zu offenbaren.

Einige werden nun vielleicht mit der Stirn runzeln. 8:0 gegen Norwegen, vor der EM 5:1 gegen die Niederlande – was soll dieses Team denn noch tun, um (mich) vollends zu überzeugen? Gegen Spanien gewinnen wäre ein Anfang. Aktuell hat man das Gefühl, mich eingeschlossen, dass England als klar favorisiert in dieses Viertelfinale geht. Aber ist das wirklich so?

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England: Dynamisch, schnell und taktisch klug

Zunächst mal: Ja, England hat eine herausragende Gruppenphase gespielt. Vor allem die Dynamik in der Offensive ist beeindruckend. Die Positionswechsel, das Anbieten im Zwischenlinienraum, das Tempo, mit dem die Engländerinnen angreifen – das ist Fußball auf sehr hohem Niveau. Die Handschrift von Sarina Wiegman ist deutlich zu erkennen.

England ist in der Lage, ein Spiel komplett zu dominieren, weil sie sich selbst nur selten in Situationen bringen, in denen sie den Ball nicht zumindest theoretisch sofort zurückerobern können. Sie positionieren sich klug auf dem Feld, halten die Abstände in Ballnähe gering und schaffen es dennoch, Dynamik in statische Momente zu bringen. Weltklasse.

Vor allem das Dreiergespann im Mittelfeld gefällt mir sehr gut. Keira Walsh als kluge Ballverteilerin und Staubsauger vor der Abwehr, Fran Kirby als bewegliche und torgefährliche Zehnerin – und dann Georgia Stanway. Für mich bisher die Spielerin überhaupt bei England. Normalerweise ist die 23-Jährige in offensiveren Räumen zu Hause, für die Nationalelf übernimmt sie eine zentrale Verbindungsrolle.

Georgia Stanway ist eine Schlüsselspielerin

Als Zwischenspielerin ist sie auf der Acht dafür zuständig, dass der Ball von der zweiten Phase des Spielaufbaus in das Angriffsdrittel gelangt. Anschließend schiebt sie nach, um sofort im Gegenpressing aktiv sein zu können oder aus der zweiten Reihe Gefahr zu erzeugen.

Stanway hat es in allen drei Partien geschafft, gegen unterschiedlich verteidigende Teams die Oberhand zu behalten. Eine beeindruckende Leistung. Zumal sie mit 23 Jahren schon vorangeht.

Sie hört einfach nicht auf und so musste das Trainerteam sie zuletzt fast schon dazu zwingen, eine Pause einzulegen, indem sie vom Platz genommen wurde. Englands Offensive wäre deutlich fragiler, wenn sie im Mittelfeld nicht die Wege gehen würde, die sie eben geht.

Englands Schwachstellen in der Analyse

Ja gut, aber wo liegen nun die Probleme? Ehrlicherweise muss ich diese aktuell anhand weniger Szenen festmachen. Aber ich bin mir unsicher, ob das Österreich-Spiel zum Auftakt nicht doch etwas mehr war als die eigene Nervosität. Norwegen und Nordirland hatten einfach nicht die Qualität, um Sicherheit in die offenen Fragen zu bringen.

Eine Taktiktafel, die Österreich in tiefer 5-4-1-Formation gegen England zeigt. Das Zentrum ist sehr kompakt, der Sechserraum von England gut zugestellt.

Österreich schaffte es in den Phasen der tieferen Verteidigung, Englands Raumgewinne im Zentrum zu beschränken. Das führte dazu, dass viele Spielerinnen in die letzte Linie oder auf die Außenbahnen ausgewichen sind.

Dass das Wiegman nicht gefiel, konnte man an der verbesserten Ausrichtung im zweiten Durchgang sehen, wo die Offensiv- und Mittelfeldspielerinnen ihre Positionen besser halten konnten.

Szenenanalysen: England unter Druck

Viel interessanter dürfte aber für Spanien sein, dass Englands Passquote “nur” bei 83 Prozent lag. Österreich setzte den englischen Spielaufbau vor allem in der Anfangsphase sehr klug unter Druck. Szenenbeispiel 1:

Eine Taktiktafel, die zeigt, dass Österreich auf dem rechten Flügel nach einem Ballgewinn viel Druck macht und den Ball erobert.

Österreich hat es immer mal wieder geschafft, mittellange oder lange Bälle in Zonen zu spielen, wo man plötzlich in Gleich- oder sogar Überzahl war. In dieser Szene konnten zwei Spielerinnen außen nach einem Diagonalball Druck auf Linksverteidigerin Rachel Daly ausüben. Ihr Pass ins Zentrum kam etwas zu kurz und Sarah Zadrazil war dort zur Stelle, um den Ball zu erobern. Englands Rückwärtsverteidigung war noch gut genug, um den Angriff erstmal aufzuhalten, aber Österreichs hörte nicht auf und ging sofort ins Gegenpressing, woraus dieser Fehlpass entstand:

Eine Taktiktafel, die zeigt, dass Österreich England im eigenen Strafraum unter Druck setzt und den Ball erobert.

Das muss eigentlich die Führung sein. War sie aber nicht. Eine weitere gute Pressingszene, die zeigt, dass es Möglichkeiten gibt, England im Aufbau zu erwischen. Sie zeigt aber auch, wie gut England sich in vielen Situationen befreien kann, wenn der Ball läuft:

Eine Taktiktafel, die Englands Spielaufbau über links zeigt. Österreich hat gut zugestellt.

Österreich isoliert den Flügel zunächst gut, verschiebt kompakt auf die rechte Seite, ohne dabei eine offensichtliche Möglichkeit anzubieten, sich über das Zentrum auf die ballferne Seite zu befreien.

Aber hiermit begrüße ich euch im ersten Semester des Studiengangs Fußball-Taktik im Grundlagenkurs des Spielaufbaus. Erste Kernfrage der Veranstaltung: “Wie löse ich ein gut organisiertes Pressing auf dem Flügel auf?” Englands Antwort:

Eine Taktiktafel, die zeigt, wie England sich vom Druck befreit. Nämlich über einen Doppelpass und gute Bewegungen der Außenspielerinnen im Rücken der Österreicherinnen.

Ein Doppelpass, eine gute Bewegung im Rücken, um sich direkt wieder anzubieten und anschließende Rautenbildung mit der Sechserin und der ballnahen Innenverteidigerin. Die Klausur würde man damit mit voller Punktzahl bestehen. Allerdings macht England dann etwas, was sehr unnötig ist – allerdings wird das auch hier wieder durch Österreich erzwungen, weil sie druckvoll und aktiv bleiben. Leah Williamson spielt einen halblangen Ball, statt geduldig zu bleiben.

Eine Taktiktafel, die zeigt, dass England auch mal unnötige lange Pässe spielt, die Österreich abgefangen hat.

Österreich erobert den Ball zurück und hat nun sehr viel Raum im Mittelfeld. Sie nutzen ihn aber nicht. Die Geschichte des Spiels.

England ist schlagbar: Spaniens Hoffnungsschimmer

Spaniens Pressing wird noch deutlich druckvoller und aggressiver sein. Daraus ergeben sich Chancen, wenn England es so ausspielt, wie im ersten Semester der “Ich habe mir alles in Büchern, in Gesprächen mit deutlich kompetenteren Leuten als mir selbst und im Internet angelernt”-Taktik-Universität gelernt. Es ergeben sich aber auch Risiken, wenn England ähnlich oft Fehlentscheidungen trifft wie in der Anfangsphase gegen Österreich.

Zumal ich eine Komponente bisher komplett ignoriert habe: Wie gut ist England ohne Ballbesitz? Wie lange können sie geduldig verteidigen? Ich denke nicht, dass sie nur 20 oder 30 Prozent Ballbesitz haben werden. Dafür sind sie zu gut organisiert. Aber Spanien wird ihnen den Ball oft wegnehmen können. Und dann wird es auf Disziplin und Geduld ankommen.

Diese Konstellation finde ich sehr spannend. Und genau deshalb glaube ich, dass dieses Viertelfinale der ganz große Test für England wird. Spanien scheitert vor allem daran, dass sie in der Offensive auf wichtige Spielerinnen verzichten müssen und es ihnen an Durchschlagskraft fehlt. Gleichzeitig haben sie eine sehr gute Spielanlage.

Beide Teams haben das Werkzeug, sich gegenseitig die Schwächen aufzuzeigen. Das direkte Duell beim Arnold Clark Cup im Februar endete 0:0. Und genau diese Ausgeglichenheit macht es auf dem Papier so interessant. Sarina Wiegman ist aktuell eine der besten Trainerinnen der Welt. Auf welches Niveau sie England innerhalb kürzester Zeit gebracht hat, ist beeindruckend. Sie ist aber erst seit 2021 da. Und in einzelnen Szenen ist das zu erkennen. Kann Spanien das für sich nutzen?

Ausblick auf den EM-Tag

Heute fällt die Entscheidung in Gruppe C. Die Niederländerinnen treffen auf die Schweiz (das Duell der Nationen, die ohne Artikel seltsam klingen) und Portugal will gegen Schweden weiter begeistern. Bisher konnte mir noch niemand beantworten, warum die Spiele um 18 Uhr stattfinden. Ihr seid herzlichst eingeladen, mir die Frage zu beantworten. Schweden und die Niederlande hatten jeweils das eine oder andere Problem am letzten Spieltag gegen die Schweiz und Portugal. Beide konnten aber gewinnen.

Ist das heute wieder der Fall, ziehen die Favoritinnen mit je sieben Punkte ins Viertelfinale ein. Das Torverhältnis wird dann entscheiden. Aktuell sind die Niederländerinnen mit einem geschossenen Tor mehr vorn.

Die Tabelle in Gruppe C

#TeamSP.SUN+/-Diff.PKT.
1NED 🇳🇱21104:314
2SWE 🇸🇪21103:214
3POR 🇵🇹20114:5-11
4SUI 🇨🇭20113:4-11

Auch aus deutscher Perspektive ist das heutige Ergebnis womöglich interessant. Wer auch immer als zweitplatzierte Nation in das Viertelfinale einzieht, wird dort auf Frankreich treffen. Die Französinnen haben bisher fast ausnahmslos überzeugt. Treffen sie in der K.-o.-Runde auf ein mitfavorisiertes Team oder auf eine weitere “kleinere” Nation? Im Halbfinale wartet dann Deutschland oder Österreich.

Weitere Beobachtungen

  • Spanien wirkte gegen Dänemark nochmal zahnloser als gegen Deutschland. Die Däninnen verteidigten sehr kompakt im 5-4-1 und waren lange darauf aus, auf den einen spanischen Fehler zu warten. Drei, viermal hatten sie dann die Chance auf die Führung – doch sie trafen nicht. Erst am Ende, als Dänemark das Defensivbollwerk öffnen musste, kam Spanien zum Torerfolg. Dänemark scheidet damit aus. Verloren haben sie die Gruppenphase im Auftaktspiel gegen Deutschland.
  • Deutschland zeigt im letzten Spiel, dass sie auch gegen tiefstehende Gegnerinnen gute Lösungen entwickeln können. Als sie in der zweiten Halbzeit dann durchwechselten, verloren sie den Rhythmus etwas, aber das ist normal. Vor allem Linda Dahlmann und Nicole Anyomi haben einen guten Eindruck hinterlassen. Hier geht es zu meiner Analyse.
  • Lucia Garcia hatte in 45 Minuten nur sieben Ballkontakte. Selbst (oder gerade) für eine Stürmerin ist das ein alarmierendes Zeichen. Sie wurde anschließend ausgewechselt. Auch Esther Gonzalez kam aber nur auf elf Ballkontakte. Spanien hat es nie geschafft, Dänemarks Tor so richtig in Gefahr zu bringen.
  • Ich will auch loben, wenn es etwas zu loben gibt: Das ZDF macht einen guten Job – zumindest rund um die deutschen Spiele. Bei den anderen ist mir die Zeit zu begrenzt. Das Konzept mit einer festen Expertin (Kathrin Lehmann) und einer wechselnden (diesmal Tabea Kemme) finde ich super. So bekommt man sehr viele Einblicke und wenn der Raum da ist, können die Expertinnen auch viel erzählen. Kemme ist sowieso eine sehr kompetente und eloquente Frau, die mir als Expertin sehr gut gefällt. Weiter so, ZDF. Gern auch etwas mehr bei den Spielen ohne deutsche Beteiligung.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zu meiner letzten EM-Notiz. Thema war Österreichs Leistung gegen Norwegen und beim Turnier insgesamt.

Bild: © Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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