EM-Notizen, Tag 8: Spanien kocht Deutschland “nur” Caldentey

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Deutschland gewinnt gegen Spanien eindrucksvoll mit 2:0, hat dabei aber auch etwas Glück. Spanien zählt indes weiterhin zu den Favoritinnen – wenn sie das Tor treffen. Vor dem Gruppenfinale gegen Dänemark gibt es berechtigte Sorgen.

Mögt ihr eure Nudeln al dente? Das Wort “dente” ist italienisch und wird im Deutschen mit “Zahn” übersetzt. In der Küchensprache bedeutet al dente also, dass etwas so zubereitet ist, dass es für den Zahn spürbar ist. Es ist so gegart, dass der Kern noch nicht ganz weich ist.

Nudeln sind also noch bissfest, wenn sie “al dente” sind. Am gestrigen Abend hat auch Spanien es geschafft, das deutsche Team al dente zu garen. Spätestens in der zweiten Halbzeit war die äußere Schicht weichgekocht. Den Kern aber, den bekamen die Spanierinnen nicht geknackt. Und so verloren sie mit 0:2 gegen ein sehr bissfestes deutsches Team.

Es war eine unglückliche Niederlage, die qua deutschem Selbstverständnis und auch vollkommen zu Recht auf die Stärke der DFB-Auswahl zurückgeführt wird. Gleichzeitig war es abseits des Ergebnisses eine fußballerische Demonstration Spaniens – bis zur letzte Aktion. Und wie wir wissen, entscheidet diese eben Spiele.

Wer Lust auf (m)eine deutsche Perspektive zum Spiel hat, kann meine Analyse für 1&1 hier lesen.

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Spanien: Ein Phänomen

Die Spanierinnen hatten prinzipiell den kompletten Werkzeugkasten für eine gut organisierte und tief verteidigende Defensive dabei: Seitenverlagerungen, nach dem 0:1 eine gute Ballsicherheit unter Druck, dynamische Bewegungen auf dem Platz und vor allem auch ein kluges Attackieren der deutschen Schnittstellen. Zwei Beispiele, weil Fußball so schön sein kann:

Spaniens große Chance in der zehnten Minute verdeutlicht ganz gut, wie flexibel dieses Team agieren kann. Im Vorfeld der Aktion gab es mehrere Drucksituationen, die sie mitunter knapp, letztlich aber souverän gelöst haben. Dadurch wurde Deutschlands Mittelfeld durcheinander gebracht. Patricia Guijarro bewegt sich im Rücken des Mittelfelds klug in den Zwischenlinienraum, während Angreiferin Lucia Garcia perfekt die Schnittstelle der Deutschen anläuft. Zwei Pässe und die komplette Defensive ist ausgehebelt.

Interessant ist hier auch der Raum, der jeweils zwischen den Innen- und den Außenverteidigerinnen aufklafft. Sowohl Felicitas Rauch als auch Giulia Gwinn lassen sich von den breit stehenden Außenspielerinnen binden. Im Zentrum kommt Spanien so zum Zwei-gegen-zwei und spielt dieses perfekt aus. Eigentlich muss das bereits der Ausgleich sein, doch Garcia legt sich den Ball beim Umkurven von Merle Frohms zu weit vor.

Szenenanalyse: Schnittstellen attackieren

Hier wird deutlich, wie vielschichtig das spanische Spiel ist. Auf der ballnahen Seite wird Kathrin Hendrich von Patri aus ihrer Position gezogen. Damit öffnet sie eine riesige Schnittstelle zwischen Marina Hegering (LIV) und Giulia Gwinn (RV). Das erkennt Garcia sofort und startet dort rein.

Wirklich bemerkenswert ist aber, wie ganzheitlich diese Spielzüge gedacht werden. Ballfern startet nämlich Aitana Bonmati in die Schnittstelle zwischen Hegering und Rauch, wodurch zwei Dinge passieren:

  • Rauch wird innen gebunden und der Raum für eine Verlagerung öffnet sich
  • Garcia ist nicht mehr allein und Spanien kann in der Theorie nun zwei Schnittstellen in der deutschen Abwehr bespielen, was Hegering in Entscheidungsnot bringt.

Spanien entscheidet sich für die Verlagerung, was angesichts des großen Raums hinter Hendrich nicht zwingend die beste Entscheidung war, wodurch sich aber dennoch vielversprechende Räume ergeben haben:

Der Angriff bleibt letztendlich ohne Ertrag, aber das ständige Attackieren des Zwischenlinienraums sowie der Schnittstellen in der gegnerischen Abwehr sind Stilmittel, die kein anderes Team so konsequent und taktisch sauber verwendet wie Spanien.

Spanien fehlen Punch und Glück

Dass sie aus solchen Ausgangssituationen nicht deutlich mehr gemacht haben, ist Teil der ewigen Grundsatzdebatte rund um den spanischen Fußball. Viele Pässe, viele schöne Spielzüge, aber keine Tore.

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Am Spielstil selbst liegt das in den meisten Fällen aber nicht. Spanien spielt weder zu verschnörkelt, noch zu verkopft. Im Gegenteil pflegen sie ein sehr rationales und zielgerichtetes Passspiel und nutzen die Räume, die sie erlaufen, konsequent. Auch gegen Deutschland haben sie sich so wieder zahlreiche gute Chancen erspielt. Dem spanischen Spiel fehlt aber eine Torjägerin.

Das ist ein ziemlich offensichtlicher Take, aber auch die müssen geäußert werden. Spanien vergibt zu viele Großchancen. Der Ausfall von Jennifer Hermoso, die in 91 Länderspielen 45 Tore erzielt hat, wiegt schwer, vielleicht sogar nochmal schwerer als jener von Weltfußballerin Alexia Putellas. Die 32-Jährige hätte mit ihrer Erfahrung ein wichtiger Anker in der Offensive sein können.

Spanien: Endspiel gegen Dänemark

Jetzt steht Spanien im Endspiel der Europameisterschaft – im ganz persönlichen Endspiel. Gegen Dänemark braucht es ein Unentschieden, um das Ticket für das Viertelfinale zu lösen. Das 0:2 gegen Deutschland ist auf diesem Weg sicher kein Drama. Die Spanierinnen wissen das Ergebnis einzuordnen.

Gegen Dänemark wird es ein etwas anderes Spiel. Es ist fraglich, ob die Däninnen das Zentrum über so weite Strecken kompakt halten können wie Deutschland. Vermutlich werden sie es in einem 5-4-1 versuchen. Das könnte den Spanierinnen vor allem im Mittelfeld wieder etwas mehr Bewegungsfreiheit geben.

Außerdem wird Dänemark nicht so hoch und aggressiv anlaufen, wie es Deutschland zu Beginn des Spiels tat. Dafür aber neigen sie dazu, ihre Positionen häufig zu verlassen. Die oben beschriebenen spanischen Stärken könnten den einen oder anderen großen Raum in der dänischen Abwehr aufreißen. Spanien wird auch im dritten Gruppenspiel wieder den Werkzeugkasten mit dabei haben und zielsicher die richtigen Werkzeuge auswählen. Doch gelingt es ihnen, endlich den Knoten in der Offensive platzen zu lassen?

Ausblick auf den EM-Tag

In Gruppe C gibt es zwei auf dem Papier klare Duelle. Um 18.00 Uhr spielt Schweden gegen die Schweiz. Die große Frage wird sein, ob es den Schweizerinnen gelingt, sich von ihrer Lethargie zu lösen und die Intensität hochzufahren. Andererseits droht eine deutliche Niederlage. Am Abend ist dann alles möglich: Ein deutlicher Sieg der Niederländerinnen, aber auch eine weitere Überraschung spielstarker Portugiesinnen. Die Rollen sind klar verteilt, doch vielleicht geht etwas für die Außenseiterinnen.

Weitere Beobachtungen

  • Dänemark konnte gegen Finnland erstmals sein gefürchtetes Flügelspiel aufziehen. Auch deshalb, weil sie im Zentrum die Angriffe gut vorbereitet haben. Gerade Pernille Harder war sehr umtriebig, bewegte sich viel zwischen die Ketten und sorgte nicht nur mit ihrem Tor für den 1:0-Sieg.
  • Die beiden Torhüterinnen Lene Christensen (Dänemark) und Tinja-Riikka Korpela (Finnland) zeichneten sich jeweils mehrfach aus. Auch Merle Frohms glänzte für Deutschland mit einigen guten und einer Weltklasseparade. Der ungewöhnliche Abspielfehler von Sandra Panos (Spanien) trübt mein Bild bei dieser EM nicht: Auch im Tor entwickelt sich der Fußball der Frauen enorm weiter.
  • Klara Bühl und Svenja Huth zeigen, wie wichtig ganzheitliches Verteidigen ist. Was mir bei Dänemark und auch Spanien mitunter fehlt, machen die Deutschen nahezu in Perfektion. Bühl führte 17 Bodenzweikämpfe. Zwar gewann sie davon “nur” sechs, aber sie störte regelmäßig den spanischen Spielfluss. Auf der anderen Seite gewann Huth fünf ihrer acht Bodenzweikämpfe. Es ist bemerkenswert, wie selbstlos die deutschen Spielerinnen agieren und wie sehr sie sich für ihre Teamkolleginnen aufopfern. Da ist der eine oder andere technische oder taktische Fehler dann manchmal nicht so wild.
  • Zu Georgia Stanway schrieb ich neulich auf Twitter, dass die Bayern eine potenzielle Spielerin des Turniers verpflichtet hätten. Gleichzeitig verlieren sie eine potenzielle Spielerin des Turniers. “Maschina” Hegering verkörpert bei diesem Turnier alles, was ich als ehemaliger Kreisoberliga-Innenverteidiger an dieser Position liebe. Ich bin verliebt in ihr Spiel. Sie ist nicht nur defensiv eine Bank, sondern macht mit dem Ball so viele kluge Dinge. Eigene Ballbesitzphasen sind gegen Spanien sehr wichtig. Mit einer Innenverteidigerin wie ihr wird die fast unlösbare Aufgabe plötzlich lösbar. Vollkommen zu Recht die offizielle Spielerin des Spiels.
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(Plus die Leute, die bei DAZN und im Sportschau-Stream dabei waren)

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zu meiner letzten EM-Notiz, wo es um die englische Demonstration gegen Norwegen und die Folgen für den Fußball der Frauen geht.

Bild: © Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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