EM-Notizen, Tag 9: Portugal – Zocken ist Silva, das Team ist Gold

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Portugal verliert mit 2:3 gegen die Niederlande, Schweden schlägt die Schweiz mit 2:1. In der spannenden Gruppe C ist damit weiterhin alles offen. Vor allem die Portugiesinnen wissen zu unterhalten.

Portugal hat in nur zwei Spielen etwas in mir ausgelöst, was ich lange nicht mehr gefühlt habe: Die pure Freude am Zocken. Der Fußball ist in den letzten Jahren technisch und taktisch viel versierter geworden. Spieler wie Ronaldinho, Ronaldo (das Original™) oder auch Marta, die mitunter ganze Defensivreihen durch Dribblings auseinander gespielt haben, sind gefühlt seltener geworden. Dazu beigetragen hat natürlich, dass Abwehrspieler:innen sich heute viel klüger verhalten und athletisch besser geworden sind.

Außerdem wird nahezu jeder Schritt durchdacht und rationalisiert. Das klingt härter, als ich es meine. Trainer:innen versuchen lediglich, das Talent dieser Spieler:innen konzentrierter, effizienter und auch effektiver einzusetzen. Freigeister, Tempodribbler:innen und Kreativspieler:innen gibt es nach wie vor. Sie werden nur oft etwas anders eingesetzt und haben es etwas schwerer als vor zwanzig Jahren.

Ronaldinho war in jungen Jahren einer meiner Lieblingsfußballer. Kein anderer Spieler hat mich so sehr für Fußball begeistern können. Weil er selbst diese Begeisterung nach außen getragen hat. Seine Leichtigkeit und sein Mut, auch mal das Irrationale zu probieren, vermisse ich etwas. Auch deshalb bin ich von den Portugiesinnen wohl so angetan.

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Portugal: Die Sorgen und Freiheiten einer Nachrückerin

Ein Team, das sich sportlich gar nicht qualifiziert hat und nachgerückt ist, weil Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt. Erst im Februar, eher noch im März deutete sich an, dass die Portugiesinnen nachrücken könnten. Bis Anfang Mai hat es gedauert, bis die endgültige Sicherheit da war.

Innerhalb von zwei Monaten musste sich Portugal also auf ein Turnier vorbereiten, mit dem der Verband nicht mehr geplant hatte. Ursprünglich sollte der Sommer genutzt werden, um neue Spielerinnen zu testen und an der Weiterentwicklung zu arbeiten. Jetzt geht es doch um sehr viel.

Termine, die Planung von Testspielen und einer Vorbereitung – Portugal muss improvisieren. Und wie sie das tun, ist bemerkenswert. Sie ziehen daraus geradezu eine Stärke. Es scheint, als würde die Notwendigkeit der Improvisation die Leichtigkeit auf dem Platz fördern.

Einige der Nationalspielerinnen kommen aus dem Futsal. Im deutschsprachigen Raum wird das oft mit Hallenfußball gleichgesetzt, aber es gibt ein paar Unterschiede. Beispielsweise ist der Ball etwas kleiner, er hat weniger Luftdruck und er springt weniger, es gibt keine Banden, es wird auf Handballtore gespielt und auch einige Regeln sind anders. Ich kann nur empfehlen, dass ihr euch da ein wenig reinlest – und vor allem auf YouTube ein paar Videos schaut.

Portugal: Jessica Silva mit dem Futsal-Gen

Jessica Silva ist so eine Spielerin, die parallel im Futsal tätig war. Und das merkt man ihr an. Auf dem Platz trifft sie nicht immer die Entscheidung, die gerade rational den schnellsten Erfolg bringt. Stattdessen sucht sie die Duelle, überrascht mit Rabona-Flanken oder -Zuspielen und nimmt auch mal Tempo raus, um sich dann mit Übersteigern oder Tricks an der Gegenspielerin vorbei zu tänzeln.

Die 27-Jährige verkörpert die pure Lust am Spiel und steht damit stellvertretend dafür, was ich an diesem portugiesischen Team so liebe: Sie zocken und haben keine Angst davor, was die Konsequenzen bei einem Ballverlust sein könnten. Fast jeder Angriff läuft über Silva, die die Bälle festmachen und Verteidigerinnen distanzieren kann. Auch die Niederländerinnen hatten große Probleme mit ihr.

Francisco Neto scheint diesen Mut zur Spontanität nicht nur zu tolerieren, sondern zu fördern. Es ist angesichts der mangelhaften Vorbereitung nur logisch, dass Portugal taktisch nicht perfekt aufeinander abgestimmt sein kann. Aber in vielen Fällen brauchen sie das auch nicht, weil sie intuitiv in der Lage sind, besondere Momente herzustellen und die richtige Balance zu finden. Zocken ist Silva, das Team steht aber im Vordergrund und ist deshalb Gold.

Portugal und das Element der Überraschung

Das Element der Überraschung hat Portugal nun in sein ganz persönliches Finale gebracht. Erst holten sie nach Anlaufschwierigkeiten ein 2:2 gegen die Schweiz, jetzt hatten sie die Niederlande am Rande eines Remis. Es war insgesamt ein Duell auf Augenhöhe, in dem sich die amtierenden Europameisterinnen fast nur über Standards einen Vorteil erarbeiten konnten. Die Portugiesinnen haben auch defensiv keine Angst vorm Risiko. Manchmal gehen sie etwas zu hart in die Zweikämpfe, wie Jill Roord zu spüren bekam. Meistens ist es aber eine gesunde Leidenschaft und Energie.

1,77 Expected Goals erspielten sich die Niederländerinnen, 0,95 davon nach Standards. Zwei Tore fielen nach Ecken, das letzte durch einen herausragenden Distanzschuss von Daniëlle van de Donk. Wenn Portugal noch Standards verteidigen könnte und Gegenspielerinnen im Strafraum nicht machen könnten, was sie wollen, wären sie noch gefährlicher für diese Gruppe C.

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Auch die 23-jährige Ines Pereira ist ein Faktor. Zwar hat sich beim ersten Gegentor ihre Körpergröße von nur 1,68 Meter bemerkbar gemacht, doch ihre Reflexe und auch ihre Sprungkraft gleichen das in vielen Fällen wieder aus. Lineth Beerensteyn konnte es einmal selbst kaum glauben, dass die Portugiesin ihren Schuss pariert hat.

Portugal ist mutig und selbstbewusst

In der Offensive profitiert Portugal beim Expected-Goals-Wert (1,34) von einem Elfmeter (0,79). Nicht mit dabei sind einige knappe Abseitsentscheidungen und Angriffe, die im letzten Augenblick verschenkt wurden. Manchmal sind sie dann eben doch etwas zu verspielt oder zu hektisch.

Es ist dennoch bemerkenswert, mit welchem Mut und mit welchem Selbstvertrauen Portugal agiert. Sie lieben das Zocken und schaffen es, die Futsal-Mentalität mit den taktischen Anforderungen auf dem Fußballplatz zu vereinen. Eine Symbiose, die ich in dieser Form schon länger nicht mehr gesehen habe – und die mich genau deshalb so schwärmen lässt.

Vielleicht scheiden sie gegen Schweden im letzten Gruppenspiel aus. Aber selbst wenn es so kommt, zählen sie schon jetzt zu den großen Gewinnerinnen dieses Turniers. Zu verlieren hatten und haben sie in England sowieso nichts. Wahrscheinlich kommt ihnen das entgegen.

Portugal hat eine ganze Reihe an Talenten, die es in den kommenden Jahren wohl ins Ausland ziehen wird. Es wird nicht das letzte Mal sein, dass wir uns von diesem Team begeistern lassen können. Im Gegenteil: Ich hoffe und glaube, dass es erst der Anfang ist. Ein sehr unterhaltsamer.

Ausblick auf den EM-Tag

Ich blicke mit Vorfreude und etwas Sorge auf diesen neunten Tag bei der Europameisterschaft. Italien und Island dürften sich ein enges und packendes Duell liefern. Gerade von den Italienerinnen erwarte ich deutlich mehr als beim Auftakt gegen Frankreich. Trotz der hohen Niederlage sind sie für mich immer noch Geheimfavoritinnen auf das Halbfinale. Und dann gibt es das Abendspiel zwischen Frankreich und Belgien. Letzter sind recht offensiv eingestellt. Nicht so sehr wie die Italienerinnen, aber auch mit dem Hang zur Naivität – bei allem Respekt. So wie Frankreich die Italienerinnen auseinandernahm, fürchte ich mich etwas davor, dass auch Belgien eine sehr deutliche Niederlage kassiert.

Weitere Beobachtungen

  • Von den Niederländerinnen bin ich immer noch nicht überzeugt. Für den Ballesterer (Magazin aus Österreich, das ihr hier bestellen könnt) analysierte ich vor dem Turnier, dass sie eine gewisse Unlust beim Verteidigen zeigen. Das ist mir nicht aggressiv und kompakt genug. Meist agieren sie zu passiv. Auch in der Offensive war das zu wenig und nicht alles ist mit dem Ausfall von Vivianne Miedema zu erklären. Einzig Jill Roord und ihre taktische Einbindung haben mir gut gefallen. Sie agierte sehr flexibel im Zwischenlinienraum, war oft anspielbar und sorgte noch für die gefährlichsten Momente.
  • Auch Schweden kann die Handbremse noch nicht lösen. In Phasen sah das schon ganz gut aus – beispielsweise beim schön herausgespielten Tor von Fridolina Rolfö. Aber oft ist das zu behäbig und zu ungenau. Gegen Portugal werden sie mehr Räume bekommen und vielleicht kommt ihnen das entgegen. Vielleicht sind die zockenden Portugiesinnen aber auch genau der Stolperstein, der Schweden überraschend aus dem Turnier wirft.
  • Die Schweiz konnte sich etwas rehabilitieren. Sie haben wieder sehr tief verteidigt, was gegen Schweden und nach den letzten Leistungen aber erwartbar war. Zumal sie es in vielen Phasen ordentlich gelöst haben. Gerade im Spiel nach vorn ist das aber deutlich zu wenig. Die Wege zum Tor sind weit, die großen Ideen sind nicht zu erkennen. Wenig deutet darauf hin, dass die Schweiz den Sprung ins Viertelfinale schafft.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zur letzten EM-Notiz, in der ich Spanien etwas genauer analysiert habe.

Bild: © Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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