EM-Notizen, Tag 2: England gegen Österreich – elf Stanways sollt ihr sein

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Die Europameisterschaft in England hat begonnen. Die Gastgeberinnen und Österreich lieferten sich zum Auftakt eine packende erste Halbzeit und einen Abnutzungskampf im zweiten Durchgang. Die Erkenntnisse des ersten EM-Tages.

Österreichs Trainerin Irene Fuhrmann ballte die Faust, guckte in den Himmel und atmete dann einmal tief durch. Anschließend klatschte sie in die Hände, um ihr Team nochmal zu motivieren: Da geht etwas! Es war die 78. Spielminute, in der Barbara Dunst vom linken Flügel nach innen zog, um dann aus gut 18 Metern Entfernung abzuschließen.

Es war ein satter Abschluss, der von Mary Earps aber pariert wurde. England kam zumindest in dieser Situation mit einem blauen Auge davon, stand es doch nur 1:0. Das sollte schließlich auch der Endstand sein. Es war ein verdienter Sieg für das englische Team. Gleichwohl konnten sie ihre gute Form, die sie vor dem Turnierstart hatten, nicht bestätigen.

Gerade zu Beginn des Spiels gehörte der Platz den stark aufspielenden Österreicherinnen, die all ihre Qualitäten ausspielen konnten. Im Zentrum gewannen sie viele Zweikämpfe, in Ballbesitz ließen sie England häufig ins Leere laufen. Österreich spielte mutig, aggressiv und als Team geschlossen.

England mit holprigem, aber erfolgreichem Start

Die Gastgeberinnen wiederum taten sich schwer mit dem flexiblen Pressing der Österreicherinnen, die mal hoch anliefen, um wenig später dann tief und kompakt zu stehen. Auch weil sie nervös wirkten und ihnen einfache Zuspiele vor allem in der Anfangsviertelstunde nicht gelingen wollten.

Es gehört eben auch zur Wahrheit dazu, dass die Spielerinnen nicht oft vor solch einer Kulisse auflaufen. Für einige war es sogar das erste Mal. Dass das vor allem im technischen Bereich zu Unsauberkeiten führen würde, war fast absehbar.

Überraschender waren Englands Probleme im taktischen Bereich. Sarina Wiegman legt viel Wert auf ein gepflegtes Kurzpassspiel und eigentlich auch auf enge Abstände im Mittelfeldzentrum. Gegen kompakt verteidigende Österreicherinnen ließen sich die Favoritinnen aber zu oft die Wege ins Angriffsdrittel diktieren, statt selbst zu bestimmen.

Der Sechserraum war, wie hier in der 6. Spielminute, oft nicht gut besetzt. Der Ball lief meist zwischen den Innenverteidigerinnen hin und her. Allenfalls über die Außenbahnen, die Österreich bewusst etwas offener ließ, gab es den einen oder anderen Raumgewinn. Viele Angriff endeten aber in langen Bällen oder Flanken, die zu selten Abnehmerinnen fanden.

Englands Plan geht nur teilweise auf

Der Reflex dahinter ist logisch: England wollte Österreichs kompakte Formation auseinanderziehen und sich so Räume im Zentrum verschaffen, die dann von außen bespielt werden können. So richtig aufgegangen ist der Plan aber selten, weil die Passwege zu lang waren oder nach einer Verlagerung nicht gut nachgeschoben wurde. Zwei, drei Angriffe gab es dennoch, in denen England über Lucy Bronze auf der rechten Seite viele Meter an Raum gewann und sich dann über Georgia Stanway vom Flügel befreite, um anschließend zu verlagern.

Stanway war ohnehin der große Schlüssel gegen Österreichs Pressing. Exemplarisch dafür eine Szene aus der 36. Minute:

Hier lässt sich die 23-Jährige vorausschauend in die Schnittstelle fallen, die anschließend eine Drei-gegen-drei-Situation auf dem rechten Flügel ermöglicht. Oft stand England mit fünf oder gar sechs Spielerinnen im letzten Drittel, während der Ball noch durch die eigenen Reihen lief.

Stanway war die einzige, die es konsequent ausgenutzt hat, dass Österreich dadurch vertikal auseinandergezogen wurde. Deshalb griff das hohe Pressing der Österreicherinnen immer seltener und England hatte mehr Ruhe am Ball.

Offensivprobleme bei beiden Teams

Gleichzeitig hatten beide Teams große Probleme damit, eine sortierte Defensive zu knacken. England spielte noch einen Tick variabler, blieb an der letzten Reihe dennoch viel zu oft hängen. Flanken von Bronze oder Fernschüsse waren ihr Mittel der Wahl.

Für Österreich galt spätestens nach dem 0:1 dasselbe. Selbst in offensiven Umschaltmomenten gelang es ihnen kaum, die Restverteidigung Englands zu knacken. So gut sich die Österreicherinnen auch gegen den Ball verhalten haben, so ertraglos war ihr Offensivspiel.

Vielleicht war es auch ihr Ziel, Millie Bright dazu zu bringen, sich wegen Kopfschmerzen auswechseln zu lassen. Die 28-Jährige köpfte eine Flanke nach der anderen aus dem englischen Strafraum. In jedem Fall ging der Plan nicht auf.

Flanken und Fernschüsse: Der erste “Trend” der Europameisterschaft?

Nach nur einem Spiel voreilig über Trends zu schreiben, wäre unsinnig. Ich möchte an dieser Stelle aber eine Befürchtung äußern. Schon im Verlauf der vergangenen Saison fiel mir auf, dass viele Teams sehr schnell auf ein eindimensionales Flügelspiel mit Flanken ausweichen, wenn das Zentrum dicht ist. Auch Fernschüsse sind gern gesehen.

Es ist nicht attraktiv, mit den richtigen Spielerinnen kann es aber durchaus effektiv sein. Gerade weil sich der Fußball der Frauen taktisch enorm weiterentwickelt hat, verteidigen viele Teams immer besser.

Eine derart stark besetzte Offensive wie England muss dazu in der Lage sein, Österreichs Defensivformation auf spielerischem Weg zu knacken. Das gelang ihnen zu selten. Es wird vor allem in der Gruppenphase sehr spannend zu sehen, wie andere Top-Teams damit umgehen, wenn sie auf eine sehr kompakte und gut organisierte Defensive treffen. Österreich hat es vorgemacht.

Ich plädiere aber ausdrücklich dafür, keinen Flanken- und Fernschusswahnsinn zuzulassen. Elf Stanways sollt Ihr sein, mit spielerischer Lösung geht der Ball rein. Oder so ähnlich. Wobei sich Stanway natürlich auch den einen oder anderen Fernschuss gönnt. Aber ihr wisst, worauf ich hinaus möchte.

Ausblick

Heute Abend trifft Norwegen auf Nordirland. Ich erwarte eine deutlichere Angelegenheit. Bei Nordirland spielen viele Spielerinnen, die nicht als Profis bezeichnet werden können. Das ist nicht despektierlich ihnen, sondern eher mahnend in Richtung struktureller Probleme gemeint. Trotzdem bin ich sehr gespannt, wie lange Nordirland dem Druck der Norwegerinnen Stand halten kann – und wie groß der Druck Norwegens letztendlich sein wird. Da gibt es berechtigte Zweifel, wie ihr meiner Gruppenvorschau entnehmen könnt.

Weitere Beobachtungen

  • Fernschüsse sind auch deshalb ein probates Mittel, weil die Qualität auf der Torhüterinnenposition sehr unterschiedlich ist. Es gibt immer mal wieder Tore wie jenes von Klara Bühl gegen die Schweiz beim 7:0-Sieg, die eigentlich nicht fallen dürfen. Weil es ein beliebter Angriffspunkt für Leute ist, die den Fußball der Frauen diskreditieren wollen, ist es mir an dieser Stelle ein wichtiges Anliegen, die Leistungen der beiden Torhüterinnen am gestrigen Tag hervorzuheben – vor allem aber jene von Manuela Zinsberger. Die Österreicherin hat im Spielaufbau sehr gute Entscheidungen getroffen, viele hohe Bälle abgewehrt und vor der Halbzeit einmal mit einer Weltklasse-Parade den knappen 0:1-Rückstand gesichert. Sie hat gezeigt, dass das Klischee keine Regel ist. Und auch Earps war auf der anderen Seite zur Stelle, wenn sie gebraucht wurde. Das war von beiden hohes Torhüterinnenniveau, wenngleich Zinsberger deutlich mehr zu tun hatte.
  • Präsentation ist nach wie vor eines der größten Themen im Fußball der Frauen. Positiv hervorzuheben ist die Stadionperspektive. Die knapp 70.000 Fans sind das Eine, das Andere sind die vielen Kameras und die gute Perspektive auf das Spiel. Wer das mal mit den kleinen Bundesliga-“Stadien” und der Kameraperspektive dort vergleicht, wird sofort einen himmelweiten Unterschied erkennen.
  • Negativ aufgefallen ist mir, dass es im deutschsprachigen Raum keine intensive Nachbesprechung gab. DAZN hat sich direkt nach Abpfiff verabschiedet, die ARD blieb kurz an der Oberfläche und war dann auch raus. Keine Stimmen, keine Hintergründe, keine Analysen – angesichts der Tatsache, dass wir es hier mit einem Eröffnungsspiel zu tun hatten, ist das sehr schade. Dass dieser Aufwand vielleicht nicht bei jedem Spiel möglich ist, kann ich noch nachvollziehen, hier hätte ich es mir sehr gewünscht. Stattdessen wurde in der ARD während der Liveübertragung mehrfach über das Publikum hergezogen.
  • Die Stimmung ist dann schon das nächste Thema, das ich aufgreifen möchte. Sie mag in Phasen streitbar gewesen sein, aber es sollte auch nicht vergessen werden, wo dieser Sport herkommt. Die Bildung von Fankulturen ist ein sehr komplexes und schwieriges Thema. Aber ich denke, es ist fair zu sagen, dass sie im Fußball der Frauen über viele Jahrzehnte erschwert, mitunter gar verunmöglicht wurde. Wenn ich mir die Länderspiele der deutschen Männernationalmannschaft in Erinnerung rufe, dann war das gestern eine vernünftige Stimmung. Und letztendlich sind es doch Momente wie der Folgende, die einem in Erinnerung rufen, was für eine Bedeutung das alles hat:
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Bild: © Valerio Rosati | Dreamstime.com / bearbeitet mit Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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