EM-Notizen, T -4: EM der Frauen – Vorschau Gruppe D

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Am 6. Juli beginnt die EM der Frauen. Im Vorfeld analysiere ich jedes der 16 Teams, die in England um den Titel spielen werden. In diesem Text geht es um Gruppe D mit Belgien, Island, Italien und Frankreich.

Angelehnt an das hervorragende Tagebuch von Tobias Escher zur Europameisterschaft der Männer im letzten Jahr, werde ich versuchen, die EM der Frauen in England hier auf meiner Website in einer Art Tagebuch zu begleiten. Ich werde für verschiedene Medien rund um das Turnier und in anderweitigen sportalltäglichen Themen tätig sein, weshalb es von mir kein Versprechen gibt, wie regelmäßig und ausführlich ich zu Beiträgen komme. Den Anfang machen Vorab-Analysen aller Gruppen.

Auch in Gruppe D erwartet uns wieder eine sehr spannende Konstellation. Mit Frankreich gibt es ein auf dem Papier klar favorisiertes Team, aber auch Belgien, Island und vor allem Italien haben die Qualität, in dieser Gruppe für Furore zu sorgen – und vielleicht sogar darüber hinaus.

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Belgien: “Red Flames” wollen bei der EM überraschen

Belgien ist erst zum zweiten Mal überhaupt bei einer Europameisterschaft dabei. 2017 konnten sie sich bei ihrem Debüt in einer starken Gruppe mit Dänemark, Norwegen und der Niederlande nicht durchsetzen. Allerdings besiegten sie Norwegen mit 2:0 und verloren die anderen beiden Spiele nur knapp.

In Gruppe H der EM-Qualifikation distanzierten sie immerhin die Schweiz hinter sich. Aus acht Partien holten sie 21 Punkte.

Für Belgien kann es von Vorteil sein, dass die Erwartungen nicht sehr groß sind. Fußballerisch haben sie sich in den letzten Jahren nochmal weiterentwickelt. Werden sie eines der großen Überraschungsteams dieser Europameisterschaft sein?

Trainer und Taktik: Ives Serneels

Ives Serneels ist bereits seit 2011 Trainer des belgischen Nationalteams der Frauen. Insofern ist er ein entscheidender Teil der Entwicklung, die Belgien in den letzten elf Jahren genommen hat. Zwar ist es schwierig, seine Bedeutung für den belgischen Fußball der Frauen genau einzuschätzen, weil es dazu kaum zugängliche Informationen gibt, doch die Erfolge und vor allem die erneute Qualifikation für die EM sprechen für sich.

Belgien könnte dort vor allem eines sein: unterhaltsam. Serneels lässt sein Team meist in einer Viererkettenformation auflaufen. Die genaue Konstellation davor variiert. Manchmal treten die “Red Flames” in einem 4-4-2 auf, auch das bei diesem Turnier so beliebte 4-3-3 und eine Formation mit Mittelfeldraute sind im belgischen Werkzeugkasten vorhanden.

Von den Belgierinnen ist Angriffslust zu erwarten. In Duellen mit kleineren Nationen nutzen sie ihren aggressiven und druckvollen Spielstil, um Gegnerinnen mit Offensivpower zu erdrücken. Hohes, teilweise sehr wildes Pressing und viel Tempo in Ballbesitz mit enorm viel Risiko charakterisieren dieses Team. In der WM-Qualifikation ist dadurch beispielsweise ein 19:0-Sieg gegen Armenien entstanden.

Belgien mit abenteuerlicher Angriffslust bei der EM?

Der Grundgedanke im belgischen Spiel ist es, die letzte Linie mit vielen Spielerinnen zu überladen und vor allem in Ballnähe immer wieder Überzahlsituationen zu kreieren. Dafür positioniert sich das Team oft in einem 2-3-5 mit dem Ball und versucht, schnellstmöglich in die Zonen zu kommen, in denen mehr Spielerinnen die eigenen als die gegnerischen Farben tragen.

Dieses Tempo und diese Vertikalität im Spiel nach vorn führen gerade gegen starke Gegnerinnen auch dazu, dass Belgien mitunter den Faden verliert. Die Restverteidigung ist oft abenteuerlich. Die zwei Innenverteidigerinnen werden im Zentrum manchmal nur durch eine Sechserin unterstützt, weil die Außenverteidigerinnen sehr breit positioniert und alle anderen Spielerinnen aufgerückt sind. Wird der Ball im Spielaufbau verloren, sind die Angriffsräume für Gegnerinnen riesig.

In diesem Bild ist eine Taktiktafel zu sehen. Darauf ist die Formation von Belgien im eigenen Spielaufbau zu erkennen, wo sie meist eine sehr breite 2-3-5-Struktur verwenden. Bei der EM könnten sie damit vor allem im Zentrum Probleme bekommen, weil der Sechser einen großen Raum allein decken muss.

Das ist eine sehr unübliche Herangehensweise. Oftmals bleibt Belgien so nur der Weg über die Außenbahnen oder eben ein sehr riskanter und langer Flachpass durch die gefährliche rot-markierte Zone. Eine Spielerin, die aus der Not oft eine Tugend macht, ist Amber Tysiak. Die 22-Jährige passt perfekt zum abenteuerlustigen Spielstil der Belgierinnen. Immer wieder sucht sie das Dribbling nach vorn oder traut sich die langen Pässe zu.

Belgien ist die EM-Wundertüte

Es versteht sich beinahe von selbst, dass Belgien eine Wundertüte ist. Gelingt es ihnen, diese Lücken intuitiv zuzulaufen oder macht sich das Risiko durch überraschende Raumgewinne bezahlt, sind sie brandgefährlich. Mit Tine de Caigny (25, TSG Hoffenheim) und Tessa Wullaert (29, Fortuna Sittard) haben sie zwei starke Offensivspielerinnen im Aufgebot.

De Caigny lässt sich oft in die Zwischenräume fallen und agiert als physisch starke aber auch technisch versierte Spielgestalterin, während Wullaert hauptverantwortlich für Tore ist. In der belgischen Super League erzielte sie in 18 Partien 26 Treffer, für Belgien in der WM-Qualifikation zuletzt 15 in acht Einsätzen. Mit ihrer Beweglichkeit könnte sie auch für die starken Abwehrreihen in Gruppe D ein Problem werden.

Trotzdem zeichnet sich bereits ab, dass Belgien ein Stück weit an sich selbst scheitern könnte. So spannend es als Beobachter:in auch sein wird, dieses Team mit all seinem Mut auf dem Niveau der Europameisterschaft zu sehen, so wahrscheinlich ist es, dass sie letztendlich zu viele Fehler machen werden.

Die 0:4-Niederlage im Oktober gegen Norwegen, das 0:3 in der EM-Vorbereitung gegen England und auch das 0:1 gegen Österreich sind Indikatoren dafür, dass die “Red Flames” noch nicht weit genug sind. Es ist damit zu rechnen, dass sie taktisch frischen Wind in ein Turnier bringen, das von recht ähnlichen Ansätzen geprägt sein wird. Aber gerade weil dieser taktische Ansatz an vielen Stellen nicht ausgereift zu sein scheint, droht Belgien erneut das Gruppen-Aus. Es wird deshalb auch interessant zu sehen, ob Serneels bei der EM womöglich doch nochmal etwas mehr in Richtung Defensive einlenkt.

Die Form

Die EM-Vorbereitung beschreibt den Status-quo Belgiens wohl ganz gut. Den beiden Niederlagen gegen England und Österreich stehen zwei deutliche Siege gegen Nordirland (4:1) und Luxemburg (6:1) gegenüber. Belgien befindet sich derzeit in einer grauen Zone zwischen dem Niveau, was es bei der EM voraussichtlich brauchen wird und jenem der kleinen Nationen, die regelmäßig hohe Niederlagen kassieren. Das Turnier wird deshalb eine weitere Möglichkeit sein, sich weiterzuentwickeln.

Drei Spielerinnen im Fokus

  • Tine de Caigny (25, TSG Hoffenheim): Die offensiv flexibel einsetzbare Hoffenheimerin wird wohl im Zentrum ihren Platz finden und dort immer wieder im Zehnerraum auftauchen. Von dort kann sie mit starken Läufen in die Spitze das Sturmzentrum überladen, das Spiel selbst durch Pässe mitgestalten und ihre Qualitäten im (Gegen-)Pressing mit einbringen.
  • Janice Cayman (33, Olympique Lyon): Die erfahrene Mittelfeldspielerin trainiert und spielt auf höchstem Niveau. Zwar zählt sie bei OL nicht zum Stammpersonal, aber sammelt dennoch regelmäßig Minuten. Von der Acht aus schaltet sie sich gern mit in die Offensive ein, besetzt dort klug den Halbraum und ist oft anspielbar. Ihre Ballsicherheit wird ein Faktor für Belgien sein.
  • Amber Tysiak (22, Oud-Heverlee Leuven): Es ist eigentlich nur zu hoffen, dass sie ihre Abenteuerlust auch auf der großen Bühne der EM präsentieren wird. Denn ihre Dribblings und Ausflüge sorgen für Unterhaltung – und das nicht negativ gemeint. Sie interpretiert ihre Rolle als Innenverteidigerin sehr offensiv und könnte eine der Entdeckungen des Turniers werden. Außerdem ist sie sehr kopfballstark und bei Standards eine echte Waffe. In 28 Pflichtspielen traf sie siebenmal.

EM-Prognose in einem Satz

Belgien wird nicht punktlos nach Hause fahren, hat in dieser Gruppe aber keine Chance.

Island: Das Nerd-Team der EM

Schon am ersten Spieltag der Gruppe D könnte eine kleine Vorentscheidung fallen. Dann nämlich wird Island bereits auf Belgien treffen (10.7.2022). Mit einem Sieg würde sich die vor allem im letzten Jahrzehnt gewachsene Fußballnation eine sehr gute Ausgangsposition für das Viertelfinale verschaffen. Kleiner Exkurs: Im Anhang ganz unten findet Ihr einen langen, aber lesenswerten Text zur Geschichte des isländischen Fußballs.

An Olympia oder einer Weltmeisterschaft nahmen die Frauen von Island bisher noch nicht teil. Dafür waren sie bereits viermal bei einer Europameisterschaft dabei. Auf dem Papier erreichte Island bereits zweimal das Viertelfinale – 1995 und 2013. Allerdings wurde 1995 keine klassische Endrunde ausgetragen. Es gab also keine Gruppenphase und das K.-o.-System wurde mit Hin- und Rückspiel über mehrere Monate hinweg absolviert.

Der Grund dafür war, dass die EM zwischen 1987 und 1997 im Zweijahresrhythmus veranstaltet wurde und im selben Jahr die WM in Schweden stattfand. Aber zurück zur Gegenwart: Island qualifizierte sich seit 2009 immer für die EM-Endrunde und durchlief in den letzten Jahren eine bemerkenswerte Entwicklung.

Trainer und Taktik: Thorsteinn Halldorsson

Lange ist Thorsteinn Halldorsson noch nicht Trainer der isländischen Frauen. Und viele Informationen zu ihm gibt es im deutschsprachigen Raum ebenfalls nicht. Zwischen 2014 und 2020 gewann er mit den Frauen von Breidablik mehrere Titel in Island, darunter drei Meisterschaften und drei Pokale.

Mit den Isländerinnen scheint er durchaus Wert auf kleine Details und Teilelemente des Fußballs zu legen. Zwar erscheint die Spielweise auf den ersten Blick nicht sonderlich komplex. Island kombiniert nicht viel, schlägt tendenziell eher mal einen langen Ball und konzentriert sich vor allem darauf, defensiv stabil zu stehen und die offensiven Umschaltmomente zu nutzen.

Doch schnell wird auffallen, wie gut diese einzelnen Elemente durchdacht sind. Auch und gerade bei Standardsituationen ist von Island einiges zu erwarten. Bei Eckbällen und Freistößen sind die Laufwege fast immer gut aufeinander abgestimmt, es sind verschiedene Varianten zu erkennen und es lässt sich zumindest darauf schließen, dass da klare Abläufe und Ideen dahinter stehen.

Island: Einwurf-Expertinnen der EM

Dass die Isländerinnen aber auch nahezu jeden Einwurf im Angriffsdrittel versuchen zu nutzen, ist ein weiteres Indiz dafür, wie wichtig die Rolle der Standards für sie sind. Mit Sara Björk Gunnarsdottir (Juventus Turin) haben sie eine klare Zielspielerin im Team, die nahezu jeden Luftzweikampf gewinnt. Laut Wyscout kann man das “nahezu” sogar streichen. In der abgelaufenen Saison lag demnach ihre Quote bei 1,62 Luftzweikämpfen pro 90 Minuten bei 100 Prozent.

Gunnarsdottir spielt in der 4-3-3-Ausrichtung der Isländerinnen meist auf der halblinken Acht und schaltet sich von dort ins Offensivspiel ein. Sie ist technisch wahrscheinlich die sauberste und beste Spielerin im Team.

Nahezu alle Angriffe, ob lang und hoch oder kurz und flach, laufen über sie. Außerdem kann Halldorsson auf eine eingespielte Defensive vertrauen. In der Viererkette werden von links nach rechts vermutlich Hallbera Gudny Gisladottir (35, IFK Kalmar), Gudny Arnadottir (21, AC Milan), Glodis Perla Viggosdottir (27, FC Bayern) und Sif Atladottir (36, UMF Selfoss) auflaufen.

Island hat einen guten Mix im Team

Anhand dieser Viererkette lässt sich auch der gute Mix aus jungen und älteren Spielerinnen erklären. Der isländische Kader verfügt über einige spannende Talente. Neben der 21-jährigen Arnadottir ist hier natürlich auch Sveindis Jane Jonsdottir vom VfL Wolfsburg zu nennen.

Die 21-jährige Offensivspielerin hat bereits 18 Länderspiele für Island absolviert und könnte mit ihrem Tempo und ihren Dribblings eine wichtige Rolle spielen. Ohnehin ist Islands Offensive auf einem guten Niveau sehr breit besetzt. Es ist möglich, dass Halldorsson hier innerhalb der drei Gruppenspiele viel rotiert.

Island kassiert nicht viele Gegentore. Gegen Belgien und Italien sind zwei enge Partien zu erwarten. Der auf dem Papier simple, aber gut durchdachte Fußball in Kombination mit einer stabilen Defensive könnte hier zweimal den Unterschied zugunsten der Isländerinnen ausmachen. Island mag nicht den attraktivsten Fußball bieten, aber wenn man sich erstmal in die Details eingearbeitet hat, macht das richtig Spaß!

Die Form

In der WM-Qualifikation hat Island in sechs Partien nur zwei Gegentreffer kassiert und das gegen die Niederlande im September bei einer 0:2-Niederlage. Die restlichen Partien haben sie gewonnen. Beim SheBelieves Cup gab es mit dem 0:5 gegen die USA einen kleinen Ausreißer. Dafür schlugen sie im November Japan mit 2:0. Island ist bereit für dieses Turnier – und womöglich für das Viertelfinale.

Drei Spielerinnen im Fokus

  • Sara Björk Gunnarsdottir (31, Juventus Turin): Wie schon beschrieben, ist sie mit ihrer Kopfballstärke, aber auch mit ihrer technischen Qualität die Schlüsselspielerin Islands.
  • Karolina Lea Vilhjalmsdottir (20, FC Bayern): Es ist unklar, ob sie von Anfang an spielen wird, aber nicht nur als Kreativspielerin, sondern auch als torgefährliche Mittelfeldspielerin wird sie sicher ihre Minuten bekommen. In der WM-Qualifikation brauchte sie nur 390 Minuten für vier Tore und eine Torvorlage.
  • Gunnhildur Jonsdottir (33, Orlando Pride): Die erfahrene Mittelfeldspielerin ist sehr zweikampfstark und wird dafür zuständig sein, viele Bälle zu erobern und dann direkt wieder für das eigene Offensivspiel zu verwerten. Im Zusammenspiel mit Gunnarsdottir sehr wichtig für alle Phasen des isländischen Spiels, auch wenn die Isländerinnen das Mittelfeld oft überbrücken – oder gerade deshalb, weil die langen Bälle im Zweifelsfall gesichert oder erobert werden müssen.

EM-Prognose in einem Satz

Island kämpft voraussichtlich mit Italien um einen Platz im Viertelfinale und wird sich dabei letztendlich knapp nicht durchsetzen.

Italien: EM-Überraschung wie bei der WM 2019?

Italien zählt historisch, aber auch sportlich zu den spannendsten Nationen im Teilnehmerinnenfeld. In den 1930er Jahren wurde mit der Gruppo Femminile Calcistico der erste organisierte Frauenfußball-Klub des Landes in Mailand gegründet. Nachdem die Calcio Illustrato eine ganze Seite mit einigen Bildern abgedruckt hatte, wurden weitere Mädchenteams in verschiedenen Städten gegründet. Es dauerte allerdings nicht lange, bis das Nationale Olympische Komitee Italiens (CONI) reagierte und Frauen von Turnieren und jeglicher Beteiligung an athletischen Sportarten ausschloss.

Das hielt, wie in anderen Ländern auch, Frauen nicht davon ab, Fußball zu spielen. Es gab über die Jahre in Italien weiterhin viele Gründungen von Teams und Klubs – nur eine offizielle Meisterschaft gab es zunächst nicht. 1968 wurde dann mit der FICF (Federazione Italiana Calcio Femminile) der erste nationale Verband für den Fußball der Frauen gegründet – inklusive einer Meisterschaftsrunde. Zwei Jahre später gründeten zehn Klubs die FFIGC – die 1970 die erste inoffizielle Weltmeisterschaft der Frauen sowie eine eigene nationale Meisterschaft veranstaltete.

Warum dieser kurze historische Rückblick? Italien hat einfach insgesamt betrachtet eine interessante Fußballgeschichte. Leider haben sie es nicht geschafft, aus den vielversprechenden Ansätzen mehr zu machen. Zwischen 1987 und 1997 holte Italien zwar zweimal die Vize-Europameisterschaft (1993 und 1997), wurde zweimal vierter (1989 und 1991) sowie einmal dritter (1987), danach versank man allerdings zunehmend in der Bedeutungslosigkeit.

Italien gibt Vollgas

Erst in den letzten Jahren gewann der italienische Fußball der Frauen wieder an Bedeutung. Als sie 2019 ihre erste WM-Endrunde seit 1999 spielten, erreichten sie einen TV-Marktanteil von rund 33 Prozent beim letzten Gruppenspiel gegen Brasilien. Auch ein Resultat der intensiven Berichterstattung in den Medien. Die Reise ging für die “Azzurre” bis ins Viertelfinale, dort scheiterte man dann an den Niederlanden.

In diesem Jahr folgte ein weiterer Meilenstein: Der italienische Verband hatte im April beschlossen, dass alle Fußballerinnen in Italiens Top-Liga ab 1. Juli einen professionellen Status erhalten. Damit wurden unter anderem die Gehaltsobergrenze von 30.000 Euro pro Jahr abgeschafft sowie ein Pensionsfonds für die Spielerinnen der Serie A errichtet.

Seit 2018 ist der FIGC für das italienische Oberhaus zuständig, bereits 2020 wurden erste Schritte zur Professionalisierung eingeleitet. Es tut sich was in Italien und das ist auch bei den Top-Klubs zu spüren, die seit einiger Zeit investieren.

Trainerin und Taktik: Milena Bertolini

Mit Milena Bertolini knüpfen wir quasi direkt an die Geschichte des italienischen Fußballs der Frauen an. Sie war in den 1980ern und 1990er Jahren eine Legende als Spielerin und ist eine von sieben Frauen, die es in die Ruhmeshalle des italienischen Fußballs geschafft haben. Sie war auch hauptverantwortlich dafür, dass Italien sich nach 18 Jahren erstmals wieder bei einer WM für die K.-o.-Runde qualifizierte.

Den Erfolg von 2019 bestätigten die Azzurre bereits in diesem Jahr beim Algarve Cup. Nach Siegen gegen Dänemark (1:0) und Norwegen (2:1) scheiterten sie im Finale erst im Elfmeterschießen an Schweden (5:6).

Bertolini hat dem Team eine klare taktische Handschrift verpasst. Italien spielt einen hochintensiven Fußball, der viel Wert auf ein schnelles Kurzpassspiel legt. Das Prunkstück des italienischen Spiels ist aber das Pressing. Die Trainerin verlangt von ihren Spielerinnen maximale Energie und Laufbereitschaft. Wird der Ball verloren, schaltet das Team sofort in den Rückeroberungsmodus und läuft aggressiv an.

Italien: Hochintensives Pressing

Im Schnitt erlauben die Italienerinnen ihren Gegnerinnen nur 6,82 Pässe, bis eine Defensivaktion erfolgt, bei der EM-Qualifikation lag dieser Wert sogar bei 5,95. Je niedriger dieser Wert ist, desto häufiger und intensiver geht ein Team ins Pressing. 7,5 Defensivaktionen pro Minute unterstreichen eine enorme Aggressivität.

Gleichzeitig ist es wichtig, diese Werte ein wenig einzuordnen. Italien verrichtet über die 90 Minuten gesehen viel Laufarbeit, weiß seine Energie aber sehr gut einzuteilen, indem sie in unterschiedlichen Zonen ihr Pressing auslösen. Vor allem die zentrale Angreiferin bekommt in der Arbeit gegen den Ball eine wichtige Rolle, weil sie den gegnerischen Aufbau lenken soll. Im Zentrum werden die Optionen frauorientiert zugestellt, die Stürmerin versucht indes, so anzulaufen, dass der Spielaufbau auf die Flügel gelenkt wird.

Geschieht das, rückt Italien von hinten aggressiv nach vorn und stellt damit clever die Passoptionen zu. Gegen Frankreich und Belgien könnte das zu vielen vielversprechenden Ballgewinnen führen. Interessant wird es aber gegen Islands lange Bälle. Denn wenn Italien im Pressing eine Schwachstelle hat, dann ist es der Raum, der zwischen der Viererkette und den hoch anlaufenden restlichen Spielerinnen klafft. Mit technisch sauber gespielten Chipbällen oder eben langen Schlägen hinter die italienische Viererkette kann man zum Torerfolg kommen.

Auf dem Bild ist eine Taktiktafel zu sehen, auf der Italiens Pressing gegen die Schweiz dargestellt ist. So könnten sie es auch bei der EM spielen. Italien stellt mit vielen Spielerinnen die offensiven Positionen zu und drängt die Schweiz so zu einem Ball nach außen oder lang nach vorn. Allerdings ist das Problem, dass der Raum zwischen der Viererkette und dem vorderen Mittelfeld sehr groß ist.
Italien stellt ballnah sehr gut zu, geht defensiv aber dennoch ein Risiko ein. Insbesondere dann, wenn auch die Sechserin aus ihrer Position gezogen wird. Sie muss einen großen Raum abdecken. Bewegt sich ein Team hier klug rein, kann die Viererkette schon mal überfordert sein.

Catenaccio? Nicht mit Bertolini

Abgesehen vom intensiven Pressing holen sich die Italienerinnen vor allem in den Ballbesitzphasen etwas Luft zurück. Bertolini möchte möglichst viele davon sehen. Viele Teams bei dieser EM folgen aber einem ähnlichen Grundsatz. Es wird insbesondere gegen Frankreich spannend zu sehen, wie viele Ballbesitzphasen sich die Italienerinnen erkämpfen können.

Mit einem großen Block an Juventus-Spielerinnen verfügt das italienische Team auch über technisch versierte Fußballerinnen, die sich unter Druck behaupten können. Zwar geht dem Kader die internationale Erfahrung etwas ab, doch rein fußballerisch hat Italien einiges zu bieten.

Italien spielt geduldig und lässt den Ball laufen, bis das Mittelfeld und die Offensivspielerinnen mit ihren Läufen Lücken aufgerissen haben. Interessanterweise ist der Spielaufbau, anders als bei vielen anderen Nationen, stark aufs Zentrum ausgelegt. Auf der Sechs wird wohl Manuele Giugliano eine entscheidende Rolle einnehmen. Die 24-Jährige von der AS Roma besetzt oft die richtigen Zwischenräume, kann schnell aufdrehen und verteilt klug die Bälle. Dabei streut sie auch mal präzise lange Diagonalbälle auf die Flügel ein.

Ist Italien das Flankenmonster der EM?

Erst im letzten Drittel nutzt Italien etwas mehr die Breite des Spielfeldes und versucht, durch Flanken zum Erfolg zu kommen. Mit rund 20 Flanken pro Partie sind sie wahrscheinlich die Vielflanker der EM. Allerdings geht es hier nicht um Halbfeldflanken oder massig hohe Schläge auf den langen Pfosten. Bertolinis Italien kommt über schnelle Kombinationen und kluge Läufe hinter die Kette sehr oft in den gefährlichen Halbraum zwischen Fünfmeter- und Sechzehnmeter-Linie, um von dort flache Zuspiele ins Zentrum zu spielen.

Auf dem Bild ist eine Taktiktafel zu sehen, auf der Italien mit vielen Spielern auf dem rechten Flügel positioniert ist. Die Abstände sind kurz. Im Strafraum ist der Bereich zwischen der linken Sechzehnerkante und der linken Fünferkante rot markiert. In diesen Bereich will Italien häufig kommen. Auch bei der EM ist von ihnen ein intensives Kombinationsspiel zu erwarten.
Italien bietet sich in Ballnähe immer kurz an. Es gibt zwar auch mal Situationen, in denen sich eine Halbfeldflanke oder ein Flügellauf anbietet, aber meist versuchen sie, durch schnelle Kombinationen in die rot markierte Zone zu kommen (links dann genau spiegelverkehrt). Damit die Strafraumbesetzung passt rücken sie spät mit mindestens drei Spielerinnen im Zentrum auf und starten dann aus der grün markierten Zone in den Strafraum.

Gut 37 Prozent ihrer Flanken kommen an, was dafür spricht, dass ein großer Teil davon eher Pässe als eine klassische Flanke sind. Italien zeigte sich in der Vergangenheit sehr flexibel im Offensivspiel.

Offensiv sollten die Italienerinnen keine großen Probleme damit haben, sich zumindest gegen Island und Belgien Chancen zu erspielen. Sie bringen alles dafür mit, was sie brauchen. Defensiv könnte das hochintensive Pressing aber für den einen oder anderen gefährlichen Konter sorgen. Bertolinis große Aufgabe ist es, diese beiden Extreme auszubalancieren. Beim letzten Testspiel gegen Spanien bewiesen die Italienerinnen viel Geduld in der Arbeit gegen den Ball, verteidigten in vielen Phasen auch mal tiefer. Diese Flexibilität könnte der Schlüssel zu einer erfolgreichen EM sein.

Die Form

In der WM-Qualifikation ist Italien mehr oder weniger souverän unterwegs. Trotz einer 1:2-Niederlage gegen die Schweiz holten sie aus acht Partien 21 Punkte und stehen mit zwei Punkten Vorsprung auf Platz 1. Gewinnen sie die letzten beiden Spiele, sind sie erneut bei der WM dabei.

Vor allem der 1:0-Sieg in der Schweiz im April ebnete den Weg dafür. Beim bereits erwähnten Algarve Cup im Februar zeigten sich die Italienerinnen in Top-Form. Und kurz vor der EM holten sich die Italienerinnen nochmal einen Boost durch das starke 1:1 gegen Spanien.

Drei Spielerinnen im Fokus

Italien hat einen sehr ausgeglichenen Kader, weshalb ich hier bestimmt acht oder zehn Spielerinnen nennen könnte. Manuele Giugliano habe ich bereits charakterisiert, deshalb nehme ich noch drei andere.

  • Cristiana Girelli (32, Juventus Turin): In der abgelaufenen Saison war die Stürmerin in 44 Einsätzen an 38 Treffern direkt beteiligt. Mit acht Treffern und zwei Vorlagen hat sie Italien in der WM-Qualifikation bisher auf Kurs gebracht. Ihr Stellungsspiel, ihre Positionierung im Strafraum und ihr eiskalter Abschluss sind für Italien extrem wichtig.
  • Arianna Caruso (22, Juventus Turin): Eine sehr torgefährliche Mittelfeldspielerin, die allein in der Serie A in 19 Einsätzen an zehn Treffern direkt beteiligt war. Caruso ist ballsicher, kann sich mit kurzen Dribblings und Drehungen gut aus Drucksituationen befreien und spielt hervorragende Pässe. Eines der vielen Top-Talente dieses Turniers.
  • Sara Gama (33, Juventus Turin): Die Kapitänin des Teams. Sie bringt einiges an Erfahrung mit, ohne je bei einem ganz großen Team gespielt zu haben. Sehr kopfballstark, kommuniziert viel mit ihren Mitspielerinnen und muss die mitunter wackelige Restverteidigung organisieren. Sie nimmt als entscheidende letzte Instanz der Feldspielerinnen eine wichtige Rolle im hohen Pressing ein.

EM-Prognose in einem Satz

Italien kann im Viertelfinale schon auf Schweden treffen, aber wenn sie dieses Duell vermeiden (und selbst wenn nicht), sind sie ein kleiner Geheimtipp für das Halbfinale.

Frankreich: Großes Talent, viele Puzzleteile vor der EM

Als hätte es bisher nicht schon genügend Favoritinnen und Geheimfavoritinnen gegeben, kommt ganz am Ende der Vorschau nochmal ein echter Kracher auf Euch zu: Frankreich. Die Französinnen stehen in der FIFA-Weltrangliste auf dem dritten Platz, haben allerdings nie einen großen Titel gewonnen. Ein dritter Platz bei der Weltmeisterschaft 2011 in Deutschland war das bisher beste WM-Ergebnis, bei Europameisterschaften kamen sie nie über ein Viertelfinale hinaus.

Dafür sind sie zwischen 2007 und 2020 die Qualifikations-Welt- und Europameisterinnen gewesen. 46 Qualifikationsspiele gewann Frankreich am Stück, dann gab es ein Unentschieden gegen Österreich. Es ist auch deshalb bemerkenswert, dass diese Nation noch keinen großen Titel gewann, weil Olympique Lyon seit vielen Jahren den europäischen Fußball dominiert.

Bei dieser Europameisterschaft stellen die Champions-League-Siegerinnen von OL nur fünf Spielerinnen. Ein weiterer fünfköpfiger Block wird von PSG gestellt, die sich in den letzten Jahren zunehmend als nationale Konkurrentin etabliert haben. An Talent mangelt es diesem französischen Team nicht, aber womöglich an wichtigeren Dingen.

Trainerin und Taktik: Corinne Diacre

Corinne Diacre ist seit 2017 die Trainerin des französischen Nationalteams. Es vergeht seitdem kein Jahr, in dem es keine Kontroversen und Diskussionen rund um die 47-Jährige gibt. Mal geht es um Strategie und Taktik, mal um ihre Nominierungen und mal um vermeintlich zwischenmenschliche Probleme. Wobei das vermeintlich hier ganz offiziell gestrichen werden darf.

Spielerinnen wie Amandine Henry (32, Olympique Lyon), Eugenie Le Sommer (33, Olympique Lyon) und Kheira Hamraoui (32, Paris Saint-Germain) ließ sie zu Hause. In Frankreich erntete sie dafür bereits vor Turnierstart harte Kritik. Der Fokus auf junge Spielerinnen ist klar erkennbar, dennoch muss die Frage gestattet sein, ob es dem Kader nicht gut getan hätte, wenigstens eine oder zwei dieser sehr erfahrenen Spielerinnen dabei zu haben – zumal sie qualitativ immer noch auf sehr hohem Niveau spielen.

Dass Diacre so stark in der Kritik steht, liegt auch daran, dass oft persönliche Angelegenheiten eine Rolle bei ihren Entscheidungen spielen. So beschwerte sich Henry mehrfach auch öffentlich über den Umgang der Trainerin mit ihr. Selbst mit Star-Spielerin Wendie Renard, der zwischenzeitlich die Armbinde entzogen wurde, die jetzt aber wieder Kapitänin ist, gab es viele Probleme.

Frankreich und Diacre: Ein ewiger Konflikt

Sarah Bouhaddi trat nach 149 Länderspielen zurück – auch bei ihr sollen Probleme mit Diacre der Grund gewesen sein. Nach ihrer Zeit als Trainerin bei Clermont wurde Diacre sogar vorgeworfen, dass sie die Spielerinnen wie in einer Diktatur behandelt habe, von Drohungen war die Rede. Inwiefern jeder einzelne dieser Vorwürfe der Realität entspricht, ist aus der Ferne nur schwer nachprüfbar, aber die Masse an Vorwürfen ist zumindest bemerkenswert.

In einem Interview mit der L’Equipe sagte Henry über ihre Nicht-Nominierung, dass es laut der Trainerin eine sportliche Entscheidung gewesen sei. Auf der anderen Seite habe sie “seit unserem Telefonat, das zehn Sekunden gedauert hat, keine anderen News erhalten”. Das besagte Telefonat fand im November 2020 statt.

Jetzt sind fünf Absätze vergangen und wir haben bisher nur über die Akte der Nationaltrainerin gesprochen – und diese trotzdem nur an der Oberfläche berührt. All das zeigt aber, dass Frankreich bei diesem Turnier ganz andere Probleme bekommen könnte als rein sportliche. Es wird darum gehen, das vorhandene Talent in eine Teamperformance zu verwandeln. Und genau daran könnten die Französinnen letztendlich scheitern. Denn es sind mit schwindender Zeit sehr viele Puzzleteile, die da zusammengefügt werden müssen.

Frankreich mit unverschämt viel Talent

Gelingt das aber, zählt Frankreich zu den Top-Favoritinnen. Ihr Kader ist nicht nur unglaublich ausgewogen, sondern auch noch unverschämt talentiert. Da will man vielleicht anfangen, Marie-Antoinette Katoto (Paris Saint-Germain) hervorzuheben, die mit 23 Jahren bereits auf eine Torquote von mehr als einem Treffer pro 90 Minuten kommt, und dann ist da beispielsweise noch eine Sandy Baltimore (22, Paris Saint-Germain). Auf dem linken Flügel wird sie mit ihrer Beweglichkeit und ihren Qualitäten im Eins-gegen-eins sehr wahrscheinlich für Furore sorgen.

In der Abwehr sticht natürlich Superstar Wendie Renard (Olympique Lyon) heraus, die mit 31 auf acht Champions-League-Siege mit OL zurückblicken kann. Ihre Zweikampfführung ist von allen Angreiferinnen der Welt gefürchtet, ihr Aufbauspiel ist nahezu unpressbar. Es ist keine Übertreibung, sie als unumstritten beste Innenverteidigerin der Welt zu bezeichnen.

Und da sind viele Namen immer noch nicht genannt. Wenn die Französinnen irgendwo “menscheln”, dann wohl im Mittelfeld. In Diacres 4-3-3 fehlt es dort an herausragenden Spielerinnen. Sie alle haben ein gutes Niveau, sie alle können Bälle solide verteilen und erobern, aber sie sind nicht ohne Fehler. Frankreich hier im Pressing unter Druck zu setzen, erscheint sinnvoll.

Allzweckwaffe Katoto als große EM-Hoffnung

Auch Frankreich ist ein Team, das viel Wert auf eigenen Ballbesitz legt. Gegen tief verteidigende Teams tauchen mitunter bis zu sieben oder gar acht Spielerinnen im letzten Drittel auf. Gegen ein Team wie Italien wird das wohl eher die Seltenheit sein, aber gerade gegen Island könnten wir ein optisch sehr einseitiges Match erleben.

Frankreich hat beispielsweise im Vergleich zu Spanien kein so gutes Positionsspiel. Das macht sie anfällig bei Kontern, weil das Gegenpressing nicht immer optimal greift. Gleichzeitig haben sie die besseren Eins-gegen-eins-Spielerinnen in der Offensive. Neben der schon genannten Baltimore sind auch Delphine Cascarino (25, Olympique Lyon), Kadidiatou Diani (27, Paris Saint-Germain) und Melvine Malard (22, Olympique Lyon) zu nennen, die in der Offensive flexibel einsetzbar sind, aber mit hervorragenden technischen Fähigkeiten und teils unfairem Tempo daherkommen.

Alles ist darauf ausgelegt, Katoto in Abschlusspositionen zu bringen – notfalls eben mit Flanken. Die Mittelstürmerin hat ihre 46 Treffer in dieser Saison laut Wyscout aus 27,19 Expected Goals erzielt. 17 davon waren Kopfballtore. Mit 0,46 Toren per Kopf pro 90 Minuten hat sie den besten Wert aller Spielerinnen bei diesem Turnier (mehr als 500 Minuten Einsatzzeit). Lea Schüller, 13 Kopfballtore, 0,38 pro 90 Minuten, Beth England (acht, 0,39 pro 90 Minuten) und Martina Piemonte (drei, 0,43) machen ihr noch ein wenig Konkurrenz.

Das ist dann wohl auch eine der guten Nachrichten für Frankreich: Falls die Teamleistung leiden sollte, gibt es immer die Option “Brechstange” – und die ist auch noch so gut, dass sie über weite Strecken fast schon als Plan A angewendet werden kann. Will man Frankreich wehtun, braucht es viele eigene Ballbesitzphasen und den schon angeführten Druck im Mittelfeld.

Defensiv anfällig

Italien könnte hier mit seinen Stärken durchaus ein Stolperstein für die Französinnen werden. Gegen aggressive Teams lässt sich Frankreich schneller mal zurückfallen und verzichtet dann auf sein sonst sehr hohes Pressing. Das Team ist es nicht gewohnt, längere Zeit ohne Ball zu sein und am eigenen Strafraum verteidigen zu müssen. Dementsprechend kommt es in solchen Momenten häufiger mal zu Abstimmungsproblemen.

Nichtsdestotrotz ist die individuelle Qualität der Verteidigerinnen enorm. Selbst wenn sich Lücken auftun, laufen sie diese schnell wieder zu oder verteidigen gefährliche Angriffe in letzter Sekunde. Es wird insbesondere für die drei Gruppengegnerinnen nicht leicht sein, den Französinnen Punkte abzunehmen. Aber unmöglich ist es nicht. Neben Italien kann auch Island mit seinen langen Bällen eine ernsthafte Gefahr darstellen, wenn Frankreich aufgerückt ist.

Mit diesem Kader kann das Ziel dennoch nur der Europameisterinnentitel sein. Vor allem Diacre wird sich daran messen lassen müssen. Das Turnier hat noch nicht begonnen, da steht sie in der Heimat schon wieder in der Kritik. Eine unerfolgreiche EM könnte die Diskussionen entscheidend befeuern. Ob das dann ausreicht für einen Trainer:innenwechsel, kann ich aus der Ferne nicht beurteilen. Aber die Liste an Kritikpunkten ist jetzt schon sehr lang.

Die Form

Siege, Siege, Siege – Frankreich hat einen Run! 2019 schieden sie bei der WM im eigenen Land unglücklich mit 1:2 gegen die USA aus. Danach gab es das besagte 0:0 gegen Österreich, ein 3:3 gegen die Niederlande, eine weitere Niederlage gegen die USA in einem Testspiel (0:2) und ansonsten dutzende Siege. In diesem Kalenderjahr hat Frankreich bereits Brasilien (2:1) und die Niederlande (3:1) geschlagen. Die Form dürfte für die EM also stimmen. Die Teamdynamik auch?

Drei Spielerinnen im Fokus

Katoto, Renard und Baltimore hatten wir ja schon. Auf wen solltet Ihr noch achten?

  • Selma Bacha (21, Olympique Lyon): Die Linksverteidigerin ist schnell, athletisch, sehr stark im Spiel nach vorn (18 Vorlagen in 36 Spielen) und eine starke Unterstützung für Baltimore. Im Defensivspiel hat sie manchmal kleinere Probleme, aber sie ist auch erst 21.
  • Sandie Toletti (26, vereinslos): Eine spannende Spielerin, die meist auf der Sechs spielt. Zuletzt für UD Levante aktiv, wohl noch ohne Verein. Wird die EM zur Bühne für sie oder steht der neue Klub bereits fest? In jedem Fall wird sie auf einer strategisch wichtigen Position offensiv wie defensiv abliefern müssen. Der ganz große Anker war sie noch nicht, Talent dazu hat sie allemal.
  • Kadidiatou Diani (27, Paris Saint-Germain): Wird wahrscheinlich von der Bank kommen. Hat im Kader die zweitmeisten Länderspiele (70, 16 Tore). Ist eine schnelle, aber auch physisch starke Angreiferin, die oft für die vorletzte Aktion sorgt und deshalb seltener in Statistiken auftaucht. Könnte gegen müde Gegenspielerinnen zum Cheatcode werden.

EM-Prognose in einem Satz

Mein Gefühl ist, dass die Zerwürfnisse innerhalb des Teams zum Problem werden, weshalb Frankreich die EM nicht gewinnt und spätestens im Halbfinale ausscheidet.

Leseempfehlungen

Abschließend noch ein trauriges Thema. Vera Pauw, Nationaltrainerin Irlands und eine Legende des niederländischen Fußballs der Frauen, hat auf Twitter davon berichtet, dass sie vor rund 35 Jahren von einem hochrangigen KNVB-Funktionär vergewaltigt wurde. Außerdem berichtet sie von zwei Vorfällen von sexualisierter Gewalt. Auch wenn das Thema nichts mit der Gruppe D zu tun hat, so ist es mir wichtig, dem an dieser Stelle eine kleine Plattform zu geben. Es macht mich unfassbar traurig, dass sie das 35 Jahre lang mit sich rumtragen musste.

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EM: Das sind die anderen drei Gruppen

Ein abschließender Hinweis: Wie bereits in der Vorschau zur Gruppe A angekündigt, wird es hier im Blog ein regelmäßiges Tagebuch geben – so oft ich es eben schaffe. Die Beiträge werden natürlich kürzer sein als diese episch lange Vorschau. Meinen aktuellen EM-Content (plattformübergreifend) findet Ihr immer hier.

Bild: © Valerio Rosati | Dreamstime.com / bearbeitet mit Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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