EM-Notizen, Tag 23: Selbstreflexion – DFB steht im Finale

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Deutschland zieht ins Finale der Europameisterschaft ein. Der 2:1-Sieg gegen Frankreich besiegelt einen Erfolg, mit dem vor dem Turnier kaum jemand gerechnet hat. Ein Triumph der Selbstreflexion.

“Kein Schwein hat mit uns gerechnet”, sagte Alexandra Popp nach dem Spiel beim ZDF. Die Mundwinkel gingen nach oben, die Stimme war leicht angeschlagen. Für einen Moment hatte ich das Gefühl, dass die Wolfsburgerin mit mir spricht. Tat sie natürlich nicht, vermutlich kennt sie mich nicht mal. Aber ich fühlte mich dennoch angesprochen.

Wirklich viel zugetraut habe ich dem DFB-Team vor dem Turnier nicht. Zwar versuchte ich hier und da, ein bisschen Optimismus zu verbreiten und Dinge zu benennen, die Hoffnung für ein erfolgreiches Turnier des deutschen Teams machen – doch wirklich dran geglaubt habe ich ehrlicherweise nicht.

Nun werde ich abgewatscht. Und das vollkommen zu Recht. Auch von einer Bundestrainerin, die sich in den letzten Wochen und Monaten ganz offensichtlich weiterentwickelt hat. Die Dokumentation “Born for this” kann kaum herhalten für eine distanzierte und journalistische Auseinandersetzung mit dem DFB. Dafür ist sie an vielen Stellen zu sehr Werbefilm. Aber es gibt trotzdem Momente, die sehr tief blicken lassen.

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DFB: Initiatorin Almuth Schult – offenes Ohr bei der Bundestrainerin

Beispielsweise als Almuth Schult über ihre Rückkehr in die Nationalelf spricht und bemerkt, dass sich seit der WM 2019 eigentlich nichts verändert hat. Es gebe zwei Möglichkeiten, in so einer Situation erfolgreich zu sein: “Entweder arbeiten alle zusammen und kriegen sich dadurch in ein Hoch und man gewinnt. Es gibt auch die Lösung, dass eine Mannschaft ein bisschen gegen das Trainerteam arbeitet und daraus seine Eigenmotivation und seine Leistung zieht und dann erfolgreich ist.”

Schult hatte ein Dreivierteljahr vor der EM das Gefühl, dass es eine Mischung aus beidem sei, die nicht funktionieren würde. Ich will nicht die ganze Dokumentation nacherzählen, schaut sie euch selbst an. Aber der Weg, den das Team seitdem gegangen ist, ist bemerkenswert. Und es ist vor allem auch beeindruckend, welche Selbstreflexion das Trainerteam rund um Martina Voss-Tecklenburg an den Tag gelegt hat.

Zumindest im Fußball erlebe ich es nicht häufig, dass Trainer:innen auch in der Öffentlichkeit so selbstkritisch mit sich umgehen. Sie wolle beispielsweise nicht mehr “die Martina mit erhobenem Zeigefinger sein”, sagte sie vor dem Turnier auf einer Pressekonferenz. Was andere wohl einfach mit “ich habe mich weiterentwickelt” abgebügelt hätten, füllte sie mit klaren und eindeutigen Aussagen. Sie gab Einblicke in den Prozess der Selbstreflexion. Und das fand und finde ich bemerkenswert.

DFB: Rampenlicht für das Trainer:innenteam

Den jetzigen Erfolg schreibt sie komplett den Spielerinnen und ihren Kolleg:innen im Trainer:innenteam zu. Es wäre auch seltsam, wenn sie sich im Moment der Euphorie nach vorn drängen würde. Das Rampenlicht hat sie aber genauso verdient – und vielleicht sogar noch einen Tick mehr.

Voss-Tecklenburg hat bei diesem Turnier und schon im Vorfeld Feingefühl bewiesen. Der Vorwurf, der von weit außen (unter anderem von mir) kam, dass dem Team die klare spielerische Linie fehle? Verpufft. Deutschland hat bei der EM gezeigt, dass es im Moment eines der vielseitigsten Teams Europas ist. Sie spielen einen modernen und offensiven Fußball, können in Ausnahmesituationen aber auch tief verteidigen.

Immer wieder loben Spielerinnen die professionelle Vorbereitung auf die Spiele. Ein Indiz dafür, dass auch der DFB strukturell mit Blick auf dieses Turnier sehr vieles richtig gemacht hat. Das Trainer:innenteam ist groß, die Kompetenzen innerhalb des DFB werden und wurden genutzt. Vor allem die Analyseabteilung scheint einen sehr guten Job zu machen. Das zeigt sich bei Standardsituationen, Laufwegen und taktischen Anpassungen mehr als deutlich.

DFB: Martina Voss-Tecklenburg ist der Kopf der Entwicklung

Voss-Tecklenburg ist als Hauptverantwortliche der Kopf dieser Entwicklung. Und abseits der ganzen analytischen Aspekte hat sie es ganz offenkundig geschafft, nicht nur die Stimmung innerhalb des Teams, sondern auch im Umfeld (Medien, Fans, Beobachter:innen) zu drehen.

Selbstreflexion ist keine Schwäche. (Öffentliches) Eingestehen von Fehlern ist keine Schwäche. Die Bundestrainerin hat damit vielleicht sogar ihre größte Stärke bewiesen. Sie ist auf die Bedürfnisse des Teams eingegangen und hat damit einen Ort geschaffen, an dem sich die Spielerinnen wohlfühlen, gleichzeitig aber auch gefordert und gefördert werden. Der Anpassungs- und Reflexionsprozess der Bundestrainerin ist für mich vielleicht die große Geschichte dieses EM-Erfolgs – unabhängig vom Ausgang des Finals. Trainer:innen sind meist dann Thema, wenn es nicht läuft. In Zeiten des Erfolgs geht der Fokus meist auf die Spieler:innen.

Dieses Turnier ist auch für mich Anlass zur Selbstreflexion. Bin ich vor dem Turnier fair mit Martina Voss-Tecklenburg und dem DFB-Team umgegangen? An der einen oder anderen Stelle war ich womöglich zu hart. Zumindest habe ich mich mal sehr verschätzt, was die Erfolgsaussichten und das Leistungspotenzial bei dieser Europameisterschaft anbelangt.

Dass Deutschland jetzt so erfolgreich ist, macht Kritik an der Vergangenheit nicht falsch – zumal die Kritik ja mindestens implizit auch von Spielerinnen zu lesen und zu hören war. Aber bedenkt man, wo dieses Team herkommt, ist der Erfolg nochmal größer einzuschätzen. “Kein Schwein” hat mit Deutschland gerechnet – bis auf wenige Ausnahmen. Zu denen zählte ich nicht. Umso beeindruckter bin ich vom gesamten Entwicklungsprozess – und der Fähigkeit der Bundestrainerin, diesen stets zu hinterfragen.

Weitere Beobachtungen

  • Zumindest bei Frankreich habe ich (teilweise) richtig gelegen. Es ist schon beeindruckend, wie lethargisch dieses Team wirken kann, wenn es das verliert, woran es am meisten Spaß hat: Angreifen. Deutschlands Lust aufs Verteidigen war größer als die Spielfreude der Französinnen und das war der Schlüssel zum Sieg. Frankreich musste fortan viel mehr verteidigen, als ihnen selbst lieb war. Mitunter war ihnen sogar eine gewisse Verzweiflung und Unlust anzusehen. Game, Set and Match, Germany.
  • Merle Frohms, Marina Hegering, Lena Oberdorf, Alexandra Popp – was für eine Achse. Eine, die zukünftig komplett beim VfL Wolfsburg spielen wird. Die Bundesliga kann sich bereits jetzt warm anziehen. Mehr These als Beobachtung, aber ich bin wirklich gespannt, wer da mithalten soll. Insbesondere nach diesem Transferfenster.
  • Jule Brand – ebenfalls bald Wolfsburgerin – hat ihre Aufgabe herausragend gelöst. Das Fehlen von Klara Bühl fiel kaum auf, Brand glänzte auf der rechten Seite mit einigen Dribblings, guten Läufen und viel Defensivarbeit, links machte Svenja Huth wieder einen starken Eindruck.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zu meiner letzten EM-Notiz.

Bild: © Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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