EM-Notizen, Tag 5: Falscher Pragmatismus?

Veröffentlicht von Justin Kraft am

In Gruppe C kam es zu den ersten beiden Unentschieden der EM. Portugal und die Schweiz trennten sich 2:2, Schweden und die Niederlande spielten 1:1. Mindestens zwie der vier Teams versuchten sich dabei an einem vermeintlich pragmatischen Ansatz. Eine Grundsatzdebatte.

Portugal ist vielleicht das Team, das am glücklichsten in die Nacht zu Sonntag gegangen ist. Nach einem frühen 0:2-Rückstand kamen sie gegen die Schweiz zurück.

In seinem Tagebuch zur Europameisterschaft der Männer im letzten Jahr stellte Fußball-Experte Tobias Escher fest: “Im Kern lautet der Vorwurf an Löw: Indem er kein Risiko eingegangen ist, ging er ein großes Risiko ein.” Gemeint war die 0:2-Niederlage gegen England.

In Gruppe C der Europameisterschaft der Frauen gab es weitere Belege dafür, dass angestrebte Risikominimierung das Risiko dann doch sehr oft maximiert. Wobei ich vorab gern klarstellen möchte, dass die Ausprägung der Vorsicht bei allen vier Teams sehr unterschiedlich war – und sie dementsprechend mitunter auch begründet werden kann.

Portugal: Verhaltener Start in das Turnier

Den Portugiesinnen kann man keinen großen Vorwurf machen. Nachdem sie erst sehr spät als EM-Nachrückerinnen feststanden, war es schwierig, sich auf dieses Turnier vorzubereiten. Hinzu kamen nicht nur eine, sondern gleich zwei kalte Duschen. Coumba Sow erwischte die portugiesische Torhüterin Ines Pereira auf dem falschen Fuß (2.) und Rahel Kiwic legte wenig später per Kopf nach (5.).

Dementsprechend verunsichert wirkte Portugal auch. Deshalb ist es wohl vermessen, die anschließende Vorsicht zu kritisieren. Die Außenseiterinnen agierten verhalten, spielten den Ball nur selten in das Zentrum. Das lag auch daran, dass Sechserin Dolores Silva ihre Position nicht hielt.

Sie ließ sich immer wieder vor die erste Pressinglinie der Schweizerinnen fallen. Allerdings war sie dadurch nicht im Zwischenraum anspielbar, wo sie viel wichtiger gewesen wäre. Portugal erzeugte deshalb kaum Raumgewinne. Auffällig war zudem, dass kaum Spielerinnen bei eigenen Angriffen nachrückten. Einige lange Bälle waren zwar gefährlich, aber ohne Anschlussaktionen nichts wert. Im zweiten Durchgang spielte sich das Team von Trainer Francisco Neto aber in einen kleinen Rausch.

Plötzlich traute sich Portugal viel häufiger in die engen Mittelfeldräume und zeigte, dass sie durchaus Qualitäten mit dem Ball haben. Die vielen langen Schläge wichen einem gut aufgezogenen Kurzpassspiel. Das 2:2 war hochverdient und selbst ein Führungstreffer war möglich. Der Mut in der zweiten Halbzeit wurde belohnt, das vermeintlich höhere Risiko brachte Ertrag.

Schweiz: Neutralität als Defensivphilosophie?

Portugal profitierte aber auch von Gegnerinnen, die nach dem 2:0 nahezu jegliche Offensivbemühungen einstellten. Statt das verunsicherte portugiesische Team weiterhin hoch anzulaufen und auf das dritte und vielleicht sogar vierte Tor zu gehen, ließ man sich fallen. Die Schweiz rückte immer weiter in die eigene Hälfte. Hätte die erste Halbzeit noch etwas länger gedauert, so hätten sie wahrscheinlich auf dem Vorplatz des Stadions verteidigt. Erst nach dem 2:2 bemühten sie sich nochmal im Offensivspiel – ohne großen Erfolg.

Ein eigentlich unerklärlicher Ansatz. Zumal die Schweiz gar nicht dafür bekannt ist, am eigenen Strafraum zu verteidigen. Trainer Nils Nielsen steht für Offensivfußball. Der Versuch einer Erklärung: Dieses Team hat kein Selbstvertrauen. Nach der etwas glücklichen 2:0-Führung wollte man kein Risiko eingehen und erstmal die eigene Defensive sichern. Dabei machte Portugal im Spielaufbau einen sehr fragilen Eindruck.

Letztendlich holte die Schweiz fast schon geschlagene Gegnerinnen zurück in die Partie. Dass Portugal anschließend so stark aufspielte, hat das Team von Nielsen selbst zu verantworten. Auch hier wäre das vermeintliche Risiko wohl der risikoärmere Ansatz gewesen. Gerade weil dem Team anzumerken war, dass es sich in der Tiefenverteidigung nicht wohl fühlt. Passivität und Zurückhaltung prägten das Spiel der Schweizerinnen.

Niederlande: Was nicht passt, wird Parsons gemacht

Bei den Niederländerinnen fiel ebenfalls eine gewisse Zurückhaltung auf – allerdings in ganz anderer Ausprägung. Das betrifft vor allem das Pressing, aber auch Teile des Offensivspiels. In der Arbeit gegen den Ball setzte Parsons zunächst auf ein 4-2-3-1. Das Problem: Es gab kaum Druck auf den schwedischen Spielaufbau. Ich habe das in diesem Thread auf Twitter etwas genauer ausgeführt:

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Schweden befreite sich immer wieder sehr simpel über die beiden Sechserinnen Caroline Seger und Filippa Angeldal. Die Niederländerinnen trauten sich nicht zu, den schwedischen Spielaufbau aggressiver anzulaufen. Dabei entstanden einige ihrer besten Chancen aus aggressiverem (Gegen-)Pressing. Der schwache Start in die Partie und die eine oder andere Verletzungsunterbrechung taten ihr Übriges dazu bei, dass Oranje verunsichert wirkte.

Zur zweiten Halbzeit passte Parsons die Zuordnung etwas an. Frei nach dem Motto: Was nicht passt, wird Parsons gemacht. Schweden hatte es nun deutlich schwerer, sich über das Zentrum nach vorn zu kombinieren. Die Niederlande presste nun in einem 4-3-3, wodurch die Halbräume besser abgedeckt wurden. Außerdem gab es personelle Veränderungen: Jill Roord durfte im Zentrum ran, auch Dominique Janssen rückte von der defensiven Außenseite ins Zentrum. Die Puzzleteile passten fortan besser zusammen.

Mit 0,95 expected Goals ist es wohl fair zu sagen, dass die Niederländerinnen ihr ganzes Offensivpotenzial dennoch nicht entfaltet haben – wenn auch gegen sehr stabile Schwedinnen. Defensiv schwammen sie hin und wieder, wenn sie lange ohne Ball waren. Dieses Team war immer dann am stärksten, wenn es selbst aktiv sein konnte. Vielleicht wäre es auch für Parsons ein guter Rat, den Spielerinnen etwas mehr Risiko zuzutrauen. Neben der taktischen Anpassung wirkten die Spielerinnen im zweiten Durchgang auch aggressiver.

Schweden: Eigentlich wie immer, aber …

Schweden spielte eigentlich wie immer, ging teilweise sogar etwas zu hektisch und vertikal in die Angriffsphasen. Auffällig war dennoch, dass Peter Gerhardsson auf eine Fünferkette umstellte. Zwar mit einer sehr offensiv eingestellten Hanna Glas, aber darauf bedacht, in der Restverteidigung stabil zu sein.

Ein nachvollziehbarer Gedanke, der bis zum 1:1 auch aufging. Über weite Strecken hatte Schweden die Spielkontrolle, die sie am Ende aber aus der Hand gaben. Die Silbermedaillen-Gewinnerinnen von Olympia müssen sich vorwerfen lassen, relativ schnell den Abschluss gesucht zu haben.

Fünf der elf Abschlüsse kamen von außerhalb des Strafraums, in der zweiten Halbzeit gab es kaum noch gefährliche Torraumszenen für Schweden. Es ist das erste Gruppenspiel und gegen die amtierenden Europameisterinnen ist ein 1:1 ein akzeptables Ergebnis. Gleichzeitig muss auch bei Schweden die Frage erlaubt sein, ob sie zu Beginn unterschätzt haben, wie verunsichert die Niederlande war.

Gerade in der ersten Halbzeit, wo Verletzungspausen und der Rückstand spürbaren Einfluss auf die Niederländerinnen nahmen, hätte Schweden nachlegen können. Mehrfach trafen sie im letzten Drittel die falsche Entscheidung oder rückten nicht konsequent genug nach. Mit fehlendem Risiko hatte das bei den Schwedinnen aber noch am wenigsten zu tun. Das war dann eher gegen Ende der Partie ein “Problem” – je nachdem, wie man den Spielstand von 1:1 aus schwedischer Sicht bewerten möchte.

Fazit: Weg mit falschem Pragmatismus

Lassen sich alle Probleme der Teams auf fehlenden Mut oder auf Zurückhaltung zurückführen? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Gerade die Schweiz und die Niederländerinnen gingen ihre Partien aber wohl zu verhalten und passiv an.

Ich habe die Notiz mit einem Zitat von Tobias Escher begonnen, ich möchte sie auch mit einem von ihm schließen:

Anstatt wenigstens zu versuchen, die Fans zu begeistern und den Gegner zu verunsichern, wollte Löw den ganz großen Erfolg erzwingen. Wenn uns diese EM aber eins lehrt, dann die Tatsache, dass die Formel “Stabilität plus Einzelspieler = Turniersieg” nicht mehr aufgeht. Schon gar nicht, wenn sich der Gegner als ein Kollektiv präsentiert.

Tobias Escher, Eschers EM-Tagebuch, Tag 19: Kein Risiko ist das größte Risiko

Nur mit einer Ergänzung: 2017 gewann die Niederlande mit attraktivem Offensivfußball und viel Mut die Europameisterschaft. Die von Escher benannte Formel trifft im Fußball der Frauen also nicht unbedingt zu, interessant ist sie dennoch. Gerade die Titelverteidigerinnen scheinen es aktuell mit einem vermeintlich pragmatischen Ansatz zu versuchen. Und es ist fraglich, ob das zum niederländischen Kader passt. Immerhin konnten sie in der zweiten Halbzeit andeuten, welches Potenzial in ihnen steckt.

Dass ich das mal schreiben würde, aber: Deutschland hat zum Auftakt gegen Dänemark bewiesen, dass es oft besser ist, auf die eigenen Stärken zu vertrauen und im Zweifelsfall mutig und risikofreudig zu sein. Aus meiner Sicht sind Pragmatik und Vernunft zwei Worte, die im Fußball oft sehr widersprüchlich ver- und angewendet werden.

Ist es nicht vernünftiger und pragmatischer, seine Stärken auch dann umzusetzen, wenn der Gegner oder die Gegnerin auf dem Papier stärker ist, statt sich zu verbiegen? Es ist sicher eine Frage der Balance – und der Philosophie. Aber vor allem das, was die Schweiz gegen Portugal zeigte, war aus meiner Sicht das beste Beispiel für falschen Pragmatismus.

Ausblick auf den EM-Tag – Kritik am ÖRR

Heute wird der erste Spieltag der Gruppenphase sein Ende finden. Und was für eins! Um 18:00 Uhr spielt Belgien gegen Island, das Abendspiel bestreiten Frankreich und Italien. In meiner Gruppenvorschau habe ich aufgeschrieben, warum diese Gruppe so vielfältig, spannend und toll ist. Ich freue mich sehr auf diese beiden Spiele. Keines dieser Spiele wird auf einem der ARD-Kanäle im Fernsehen laufen. Sie werden abermals im Stream versteckt. Irgendwie passt das Thema dann auch sehr gut zum “falschen Pragmatismus”. Der Mut fehlt.

Schon gestern verzichtete die ARD darauf, das Top-Duell zwischen Schweden und den Niederlanden im Fernsehen zu zeigen. Stattdessen lief die große Schlagerstrandparty. Angesichts der Quoten, die diese Sendung erzielt, eine nachvollziehbare Entscheidung – könnte man legitim anführen. Im Schnitt schauten rund 4,6 Millionen Menschen zu.

Ich möchte dennoch folgende Argumente ins Feld führen:

  • ARD und ZDF sind nicht maßgeblich abhängig von Quoten – auch wenn sie natürlich eine Rolle spielen. Aber hier ist der Unterschied aus meiner Sicht nicht dramatisch.
  • Die Quoten der bisherigen EM-Spiele sind sehr gut. Das Deutschland-Spiel haben knapp sechs Millionen Menschen im Durchschnitt gesehen, das Eröffnungsspiel sahen durchschnittlich drei Millionen Menschen. Beim 18-Uhr-Spiel zwischen Portugal und der Schweiz waren gestern im Schnitt zwei Millionen dabei. Aus meiner Sicht spricht das dafür, dass man mit etwas Marketingaufwand und Präsentation mit einem Top-Spiel wie dem gestrigen ebenfalls eine Quote zwischen drei und fünf Millionen Menschen erzielen könnte.
  • Es geht gar nicht so sehr um “Schlager gegen Fußball”. Die ARD hat viele Sender. Warum werden die EM-Spiele nicht wenigstens bei “One” gezeigt, wo beispielsweise auch die Tour de France läuft? Stattdessen werden sie im Stream versteckt und dort nicht gut aufbereitet (keine Berichterstattung, keine Halbzeitgespräche, keine Interviews). Teilweise fällt es Leuten sogar schwer, den entsprechenden Stream zu finden. Dafür, dass sich der deutsche ÖRR immer wieder dazu bekennt, den Fußball der Frauen pushen zu wollen, ist mir das zu dünn.
  • Zumal das Schlager-Event eine Aufzeichnung war, die man hätte anders terminieren können. Gleiches gilt heute für den Tatort im Ersten. Es gibt immer Kompromisslösungen, aber ich erkenne nicht die Bemühung, einen Kompromiss zu finden.

Sorry not Sorry:

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Weitere Beobachtungen

  • Daphne van Domselaar musste nach nur 22 Minuten für die verletzte Sari van Veenendaal eingewechselt werden. Die 22-Jährige absolvierte damit ihr erst zweites Länderspiel – und was für eins! Die Türhüterin war ein sicherer Rückhalt für ihr Team und wirkte kein wenig unsicher. Sehr beeindruckend.
  • Neben den beiden Sechserinnen waren auch die offensiven Halbräume für Schweden sehr wichtig. Dort bewegten sich Kosovare Asllani und Fridolina Rolfö sehr intelligent. Die beiden waren fast immer anspielbar und hebelten dadurch das Pressing der Niederländerinnen mehrfach aus.
  • Magdalena Eriksson war das Herz des schwedischen Spielaufbaus. Die 28-Jährige kam auf die meisten Ballkontakte (77) im Team und spielte aus dem linken Halbraum immer wieder klug ins Mittelfeld.
  • Dass Ramona Bachmann “Woman of the Match” wurde, ist für mich nicht nachvollziehbar. Die Schweizerin hatte dafür einfach zu wenig gute Aktionen. Zumal bei den Portugiesinnen mit Jessica Silva eine Spielerin herauszuragen wusste. Nicht nur ihre schöne Rabonaflanke, sondern auch viele weitere Szenen, in denen sie sich mit schönen Einzelaktionen oder Läufen durchsetze, machen sie für mich zur “Woman of the Match”.

Hör- und Leseempfehlungen

Es ist übrigens bezeichnend, wie wenig Hintergrundgeschichten es in Deutschland zur Europameisterschaft gibt. Vereinzelt gibt es auch im deutschsprachigen Raum etwas, im Gesamtbild bin ich bisher aber enttäuscht. Ich konsumiere viel aus dem englischen Raum. Wie geht es euch da? Geht es euch ähnlich? Habt ihr Empfehlungen?

Hier geht es zum letzten Tagebucheintrag, wo es um Deutschland und mögliche Erkenntnisse für das Spanien-Spiel geht.

Bild: © Valerio Rosati | Dreamstime.com / bearbeitet mit Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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