EM-Notizen, Tag 6: Frankreich überrennt Italien – Grace of Champions?

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Frankreich demontiert Italien nach allen Regeln der Kunst und schickt damit eine Ansage an die Konkurrenz. Geht der Titel nur über die Französinnen? Das und ein kurzer Spieltagsrückblick sind Thema meiner Notizen an Tag 6 der EM.

Vor Beginn des Abendspiels habe ich mich auf das Duell zwischen Frankreich und Italien gefreut. Ich hatte tatsächlich die Hoffnung, dass die Italienerinnen es den turmhohen Favoritinnen zumindest schwer machen könnten. In der Halbzeitpause saß ich mit einer seltsamen Mischung aus Respekt, Ehrfurcht und großer Sorge vor dem Bildschirm. Mehrfach setzte ich zu einem Tweet an, der erklären sollte, warum mich dieser toll anzusehende Fußball nicht nur glücklich macht – aber größtenteils.

Dann ließ ich es sein. Lass die Leute doch einfach den Fußball genießen. Den Tweet versteht doch sowieso wieder niemand und am Ende diskutiere ich 30 Minuten am Thema vorbei. Zumal diese Sorge vielleicht auch komplett überflüssig ist. Aber alles nacheinander: Frankreich gewann dieses Spiel mit 5:1. Sie waren das erste Team, dem bei einer EM der Frauen eine 5:0-Halbzeitführung glückte und Grace Geyoro ist die erste Spielerin mit einem Hattrick nach nur 45 EM-Minuten.

Es war eine fußballerische Demonstration. Das Tempo und die Athletik mit der Frankreich die Italienerinnen überrannte, war beeindruckend. Italien war für mich das, was in England gern “dark horse” genannt wird. Keine echten Geheimfavoritinnen auf den Titel, aber schon mit dem Potenzial, das Viertel- oder gar Halbfinale zu erreichen, wenn alles passt.

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Frankreich: Vom anderen Stern?

Ganz aufgegeben habe ich diese Einstellung noch nicht, aber dieser Qualitätsunterschied war ernüchternd. Auch und gerade mit Blick auf den Großteil der Konkurrenz. Frankreich wirkt körperlich präsenter als die meisten anderen Teams und auch von der Geschwindigkeit her ist das ein anderes Niveau. Das betrifft das Tempo der Einzelspielerinnen in der Offensive, aber auch die Ballzirkulation an sich.

Frankreich konnte das Spiel sehr schnell verlagern und mit direktem und präzisem Passspiel offene Räume bespielen, bevor Italien diese schließen konnte. Neben der herausragenden Qualität der Französinnen haben die Azzurre ihren Gegenspielerinnen mitunter zu leicht gemacht. Das beste Beispiel ist die Entstehung des 4:0:

Durch schnelle Bewegungen gelang es den französischen Angreiferinnen ständig, in den Zwischenraum vorzustoßen und dabei Verteidigerinnen der Italienerinnen mitzuziehen. In diesen sich öffnenden Raum starteten parallel mindestens ein oder zwei Spielerinnen Frankreichs – wie hier Gueye von halbrechts.

Italien hat ein wenig meine gestrige EM-Notiz widerlegt – oder zumindest ein paar Contra-Argumente geliefert. Sie haben fast schon zu sehr auf ihre Stärken vertraut, obwohl sie gemerkt haben, dass diese gegen Frankreich verpufften.

Das lag auch daran, dass schlecht übergeben wurde und das Team im Pressing nicht kompakt herausgerückt ist. Vorn war Italien meist aggressiv und druckvoll, hinten ließ man sich durch die französische Dynamik verunsichern und so entstand ein zu großer Raum direkt vor der italienischen Viererkette.

Frankreich nicht zu stoppen?

Wenn Frankreich so aufspielen kann, sind sie nicht zu stoppen. Gerade wegen ihres enormen Tempos wird es aber auch für die Top-Teams im direkten Duell sehr schwer. Ein Kantersieg macht sicher noch keine Europameisterin, aber der Sieg gegen selbstbewusste Italienerinnen ist ein erstes Indiz dafür, wie stark Frankreich sein kann.

Für Italien hingegen muss die Europameisterschaft jetzt irgendwie neu beginnen. Dass sie die zweite Halbzeit, auch weil Frankreich Tempo rausnahm, mit 1:0 gewonnen haben, ist vielleicht ein kleiner Strohhalm. Die Duelle mit Island und Belgien können und müssen sie gewinnen.

Aber im anderen direkten Duell haben die beiden Teams gezeigt, dass sie defensiv sehr stabil sein können. Schon nach dem ersten Spieltag zeichnet sich ab, dass es ein Dreikampf um den Platz hinter Frankreich sein wird. Und doch war es eben nur ein EM-Spiel. So wie die Europameisterschaft keine Katastrophe für Italien werden muss, ist der Titel für Frankreich nach diesem Spiel noch nicht sicher. Es warten noch andere Herausforderungen auf Les Bleues.

EM 2022: Fazit des ersten Spieltags

Ich will an dieser Stelle nicht zu ausufernd werden, aber doch ein paar Gedanken nach dem ersten Spieltag aller Gruppen loswerden. Insgesamt ziehe ich ein positives erstes Zwischenfazit. Qualitativ haben mich die meisten Spiele überzeugt. Zwar war der Auftakt etwas zäh, doch das lag auch an der Nervosität der beiden Teams.

Mich hat vor allem gefreut, dass die meisten Außenseiterinnen einen tollen Eindruck hinterlassen haben. Und das ist kein mitleidiges “das habt ihr aber toll gemacht”, sondern ernsthafte Anerkennung ohne irgendwelche Einschränkungen. Wenn ich sehe, wie Nordirland sich gegen starke Norwegerinnen präsentiert hat oder wie Finnland 60 Minuten eine sehr gute Partie gegen Spanien ablieferte, dann sind das weitere Indikatoren dafür, wohin sich der Fußball der Frauen entwickelt.

Schade finde ich indes, dass die Euphorie aus England noch nicht so richtig nach Deutschland rübergeschwappt ist. Das braucht erfahrungsgemäß bei jedem Turnier etwas Zeit, hat aber auch ganz einfache Gründe: Das Interesse hierzulande ist ein anderes. Ich sehe es an Klickzahlen, Interaktionen zum Thema und in vielen anderen Bereichen.

Die TV-Quoten scheinen immerhin gut zu sein. Ich schrieb gestern etwas darüber. Es fällt mir schwer, das zu akzeptieren, aber man muss den weiten Weg in Deutschland wohl für den Moment akzeptieren und jeden kleinen Fortschritt als Erfolg werten. Es bleibt nichts anderes übrig, als das Thema weiterhin hartnäckig anzugehen, indem fair und hintergründig darüber berichtet wird – und wir als Journalist:innen ein aufrichtiges Interesse daran zeigen, das zu tun. An einigen Stellen beobachte ich da deutlich mehr Offenheit als vor einigen Jahren und das ist gut so. Gleichzeitig ist es noch lange nicht das Ende der Reise.

Das Thema bewegt mich jetzt schon seit einiger Zeit. Die Community, die sich rund um den Fußball der Frauen bildet, wird auch hierzulande größer. Das und die Entwicklung des Spiels zu beobachten und zu begleiten macht Spaß. Ich erlebe bei der EM viele Menschen, die realisieren, dass der Fußball der Frauen viel kann und sehr unterhaltsam auf unterschiedlichen Ebenen ist. Es sind kleine Schritte, aber ich bin immer noch überzeugt, dass sie irgendwann ans Ziel führen.

Ausblick auf den EM-Tag

Nach Gruppe D kommt wieder Gruppe A. Österreich ist heute im Duell mit Nordirland gefordert und kann einen wichtigen Schritt gehen, um eine realistische Chance auf das Viertelfinale zu wahren. Am Abend gibt es die erste ganz große Herausforderung für England, die sich im Vergleich zum Auftaktspiel steigern müssen. Auch aus norwegischer Perspektive wird das Duell interessant, weil der 4:1-Sieg gegen Nordirland kaum zu bewerten ist.

Weitere Beobachtungen

  • Frankreich erzielte alle fünf Tore aus dem Spiel heraus. Damit drücken sie die Torquote nach Standards etwas nach unten. 12 der bisher 29 Treffer resultierten aus ruhenden Bällen – wobei eines der isländischen Tore nicht ganz in diese Schublade zu drücken ist. Die eigentliche Ecke wurde abgewehrt und erst der zweite Flankenversuch führte zum Tor. Offiziell wohl kein Tor nach Standard, für mich aber schon.
  • Island versuchte es gegen Belgien vor allem mit langen Bällen auf Sveindis Jane Jonsdottir. Die Wolfsburgerin war die gefährlichste Isländerin, kam zunächst links in einige Laufduelle, wechselte dann aber auf die rechte Seite, um dort den körperlichen Vorteil gegen Davina Philtjens ausnutzen zu können, die nur 1,5 Meter groß ist. Insgesamt fehlte Island aber der letzte Punch im Angriffsdrittel. Belgien verteidigte das aggressiv und gut, aber von den Isländerinnen kam auch zu wenig sinnvolles Angebot bei Flanken oder Schnittstellenpässen.
  • Belgien zeigte Schwächen in der Rückwärtsbewegung. Gerade weil sie viele Angriffe nicht gut ausgespielt haben, kam es immer wieder zu gefährlichen Raumgewinnen der Isländerinnen. Auf die langen Bälle war Belgien zwar ganz gut eingestellt, aber das Pressing hinterließ einige offene Räume. Das könnte gegen Frankreich eine ähnliche Nummer werden, wie sie die Italienerinnen erlebt haben.
  • Wir müssen vielleicht bald über Corona sprechen – und die 23er Kader. Deutschland gab bekannt, dass Lea Schüller sich infiziert hat, auch bei Finnland gibt es einen Fall. Darüber hinaus hat die Schweiz mit Magen-Darm-Problemen zu kämpfen. Acht Spielerinnen und mehrere Leute aus dem Staff sind betroffen. Für mich unverständlich, warum nicht auch bei den Frauen auf 26er Kader gesetzt wurde.
  • TheAnalyst sieht die Chancen auf einen deutschen Turniersieg jetzt bei 20 Prozent. Vor dem Turnier lag der Wert noch bei 15 Prozent. Nur Frankreich hat mit 20,7 Prozent einen höheren Wert. Das sind aus meiner Sicht auch die beiden Teams, die den athletischsten und temporeichsten Fußball gezeigt haben.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zum letzten Tagebucheintrag zur Gruppe C und allgemeinen Beobachtungen sowie TV-Kritik.

Bild: © Valerio Rosati | Dreamstime.com / bearbeitet mit Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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