EM-Notizen, Tag 10: Frankreich strauchelt – Hoffnungen Cayman auf

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Frankreich schlägt Belgien mit 2:1, Italien erkämpft sich ein 1:1 gegen Island und so bleibt die Gruppe D im Kampf um Platz zwei sehr offen. Über strauchelnde Favoritinnen und drei Nationen voller Hoffnung.

Sechs Minuten waren gespielt, da köpfte Kadidiatou Diani bereits die Führung für Frankreich. Schon zuvor segelte der Ball mehrfach durch den belgischen Strafraum. Es schien, als hätte das Team von Nationaltrainerin Corinne Diacre große Lust, genau da einzusteigen, wo man gegen Italien nach einer Halbzeit ausgestiegen war.

Und wenn wir ehrlich sind, war es auch so: Frankreich erspielte sich 27 Abschlüsse, 3,36 Expected Goals und ließ auf dem Papier nur zwei belgische Abschlüsse und 0,23 Expected Goals zu. Rein statistisch können sich die Französinnen nur einen Vorwurf machen: Warum haben sie den Sack nicht früher zugemacht?

Fußball ist aber nicht immer nur Statistik. Zahlen erzählen beispielsweise nicht, dass Belgien beim Stand von 1:2 einige gute Ballgewinne und Angriffe hatte. Hätten sie diese vernünftig ausgespielt, wäre der Spielverlauf womöglich ein anderer gewesen. Frankreich zeigt nach der Demonstration gegen Italien erstmals Schwachstellen, die für die K.-o.-Phase interessant werden könnten.

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Frankreich: Wendie Defensive nicht funktioniert

Es war interessant zu beobachten, wie Frankreich mit einem Spielverlauf umgeht, der mehrere Rückschläge parat hielt. Neben den vergebenen Chancen fiel mit Marie-Antoinette Katoto die Schlüsselspielerin in der Offensive aus. Sie hat sich vermutlich schwer am Knie verletzt. Die 23-Jährige konnte das Stadion nur auf Krücken verlassen und das Knie wurde sofort gekühlt. Laut Le Parisien hat sie sich einen Kreuzbandriss zugezogen.

Dann, quasi aus dem Nichts, kam Belgien mit dem ersten vernünftig ausgespielten Angriff zum Ausgleich. Zwar kamen die Französinnen mit dem abermaligen Führungstreffer durch Griedge Mbock noch vor der Pause zurück, aber nicht mehr zurück in ihren Spielfluss. Belgien wurde etwas mutiger, traute sich vor allem in den kurzen Ballbesitzphasen mehr zu.

Die Ballzirkulationen taten Frankreich weh. Denn wenn dieses Team eine Sache nicht auf Weltklasse-Niveau kann, dann ist es wohl das geduldige Verteidigen. Immer wieder ergaben sich für Belgien Räume im Mittelfeld oder auf den Flügeln. Wie in dieser Szene:

Frankreich hat sich nach einer Ballbesitzphase Belgiens zurückgezogen, steht aber nicht kompakt genug. Im 4-1-4-1 ergeben sich dadurch zwei wichtige Vorteile für die Belgierinnen:

  • Frankreich übt keinen Druck auf den Ball aus, weil die fünf offensiv positionierten Spielerinnen zu passiv agieren und auch nicht optimal mit ihrem Deckungsschatten arbeiten.
  • Die natürliche Schwachstelle des 4-1-4-1 sind die Halbräume vor der Abwehr und die werden von Belgien hier sehr gut besetzt.

Nach dem Zuspiel auf die Außenbahnen läuft Belgien gut in die Spitze. Die Weiterleitung auf dem Flügel erfolgt aber etwas zu spät, weshalb die Schiedsrichterinnen richtigerweise auf Abseits entschieden. Ein Tor wäre hier aber möglich gewesen.

Frankreich wird für die Probleme nicht bestraft

Selbst wenn Frankreich im 4-4-2 oder im 4-2-3-1 verteidigte, gelang es ihnen oftmals nicht, den Zwischenraum zu schließen und die Außen abzusichern. Dass das nicht stärker auffiel, lag vor allem daran, dass den belgischen Spielerinnen recht einfache Abspielfehler unterliefen.

Frankreich wird weiterhin eine favorisierte Rolle bei dieser EM einnehmen. Für eine andere Einschätzung ist die individuelle Klasse einfach zu groß. Was sie mit der belgischen Defensive teilweise veranstaltet haben, war mal wieder hohe Fußballkunst. Sie sind athletischer und schneller als die meisten anderen Teams.

Sollten sie in der K.-o.-Phase allerdings auf ein Team treffen, das gute Lösungen gegen hohes Pressing hat, könnten sie ins Straucheln geraten. Im Viertelfinale wird Frankreich wohl auf die Niederlande oder Schweden treffen. Geht es dann eine Runde weiter, wartet womöglich Deutschland.

Gruppe D: Gruppe der Wundertüten

Hinter Frankreich wird es in Gruppe D auf jeden Fall ein Team schaffen, das nicht zu den Top-Nationen zählt. Das war vor dem Turnier schon klar. Trotzdem ist die Konstellation jetzt maximal spannend. Island steht mit zwei Punkten auf dem zweiten Platz, muss aber gegen die starken Französinnen ran. Belgien und Italien werden sich im Parallelspiel einen packenden Kampf liefern. Beide haben jeweils einen Punkt.

Italien braucht wegen des schlechten Torverhältnisses einen Sieg. Belgien könnte ein Sieg reichen, wenn Island höher gegen Frankreich verliert als sie selbst. Island wird für Frankreich eine andere Herausforderung sein. Sie stehen defensiv stabiler als Belgien oder Italien. Außerdem sind sie stärker darin, Flanken zu verteidigen und versuchen seltener, den Ball kurz hinten rauszuspielen.

Ihre langen Bälle sind womöglich genau das Mittel, das es gegen aufgerückte Französinnen braucht. Es könnte eine packende Last-Minute-Entscheidung in Gruppe D geben. Ein Traumszenario für den letzten Spieltag.

Ausblick auf den EM-Tag

Heute entscheidet sich, wer im Viertelfinale auf Deutschland trifft: Norwegen oder Österreich? Im direkten Duell spielen beide um den zweiten Platz hinter England. Die haben derweil ein mehr oder weniger unbedeutendes Spiel gegen Nordirland vor sich. Für beide geht es nur noch um die Ehre und den Rhythmus.

Deshalb zurück zum entscheidenden Spiel. Österreich muss mindestens ein Unentschieden holen, Norwegen braucht einen Sieg. Nach dem 0:8 gegen England steht für die Norwegerinnen viel auf dem Spiel ein weiteres Aus in der Gruppenphase wäre in dieser Gruppe nicht zu rechtfertigen. Dass Österreich sich in der Rolle der leichten Außenseiterin wohl fühlt, zeigten sie gegen England. Das wird ein großartiges Gruppenfinale. Hoffe ich.

Weitere Beobachtungen

  • Da ist es also, das erste isländische Einwurftor. Der Einwurf von Sveindis Jane Jonsdottir wurde immer länger, Italien bekam den Ball nicht geklärt und plötzlich war es Karolina Lea Vilhjalmsdottir, die zum 1:0 einschoss. Island gelang es rund 50 bis 60 Minuten gut, Italien weit auf die Flügel zu drängen und sie nicht in ihr Kombinationsspiel zu lassen. Vor allem das defensive Zentrum rund um Glodis Perla Viggosdottir machte ein starkes Spiel. Am Ende wurden sie aber unsauberer in der Verteidigungsarbeit, was auch an einer Steigerung Italiens lag.
  • Denn Italien rehabilitierte sich nach nun drei schwachen Halbzeiten etwas. Im zweiten Durchgang gegen Island war viel mehr Dynamik und Bewegung auf dem Platz. Außerdem spielten sie deutlich mehr Verlagerungen. Das brachte ihnen gleich mehrere gute Situationen ein, in denen sie endlich mal in den Halbraum des gegnerischen Strafraums vorrücken konnten. Diese Zonen, die für das italienische Spiel so wichtig sind, wurden bisher kaum bespielt. Vielleicht war die zweite Halbzeit der Startschuss für ein furioses letztes Spiel gegen Belgien.
  • Die Quoten bei ARD und ZDF sind recht konstant. Nicht-deutsche Abendspiele erreichen zuverlässig die 3-Millionen-Marke, die Spiele um 18 Uhr kommen meist auf 1,5 bis 2,5 Millionen Menschen. Ich interpretiere das durchaus positiv. An einem der Ruhetage werde ich aber eine EM-Notiz für dieses Thema verwenden und auch auf die Kritikpunkte eingehen, die immer wieder genannt werden, wenn es darum geht, was das alles überhaupt wert ist.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zur letzten EM-Notiz, die sich mit Portugal und deren Besonderheiten auseinandersetzt.

Bild: © Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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