Les grandes équipes: Frauenfußball wird endlich groß gedacht!

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Wir schreiben Dienstag, den 5. Oktober 2021. Es ist ein ganz besonderer Tag für den Fußball. Es ist gar ein historischer Tag. Heute startet die neue Gruppenphase der Women’s Champions League – und mit ihr eine Ära im Frauenfußball.

„The time is now“, heißt es in der eigens für die neu aufgelegte Champions League der Frauen komponierten Hymne. Die Liebe, die allein in die Komposition dieser Hymne gesteckt wurde, ist spürbar. Wüsste man nicht, wie inkonsequent die UEFA für ihre Werte tatsächlich einsteht, würde allein der Text zu Gänsehaut führen. „They stand with pride“, wird am Ende gesungen.

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Es mag nur ein Stück Musik sein, das angesichts der vielen anderen Reformen innerhalb des Wettbewerbs und der Entwicklungen im internationalen Frauenfußball eher klein und unbedeutend wirkt. Aber es ist ein würdiger Rahmen und ein Zeichen der Emanzipation. Ja, der Frauenfußball brauchte und braucht die Unterstützung der durch Männer dominierten Branche, um wachsen zu können. Aber wer sich in den letzten Jahren genauer umgeschaut hat, dürfte auch gesehen haben, dass dieser „Markt“ einer ist, der nach initialen Investitionen ein enormes Wachstumspotential mitbringt – auch und gerade aus eigener Kraft heraus. Insofern ist es notwendig, dass der Frauenfußball einen eigenen Weg geht.

In England, Spanien oder auch kleineren Fußballnationen wie der Schweiz oder Schweden hat man das alles schon lange verstanden. Seit mehreren Jahren wird nicht nur investiert, sondern in weiten Teilen klug gehandelt. Auch dort ist nicht alles so herausragend, wie es gern mal dargestellt wird, aber die Fortschritte sprechen für sich. Frauen- und Männerfußball sind zwar rein qualitativ betrachtet weit auseinander – wer mag es einer Sportart verübeln, die über viele Jahrzehnte bis in die Moderne hinein unterdrückt wurde? Aber die Grenzen verwischen dennoch immer mehr.

International boomt der Frauenfußball

Unter den europäischen Top-Klubs des Männerfußballs gibt es kaum noch einen, der keine Frauenabteilung hat – und die meisten von ihnen nehmen Geld in die Hand, um in diese vielversprechende Entwicklung zu investieren. Auch die Reform der UEFA trägt nicht nur entscheidend zu weiterem Wachstum bei (finanziell und sportlich), sondern zeigt zudem eindrucksvoll, dass die Verbände und Klubs nicht aus Nächstenliebe einem Trend hinterherjagen. Sie tun dies aus Kalkül. Weil sie wissen, dass dieses Jahrzehnt ein goldenes für den Frauenfußball werden kann.

TV-Verträge, die in Relation zu den vorherigen sehr üppig ausfallen, viel mehr mediale Aufmerksamkeit, gemeinsame Auftritte von Männer- und Frauenabteilungen eines Klubs, wachsende internationale Konkurrenz, viel mehr junge Talente, die in den kommenden Jahren den Sprung an die Spitze schaffen können und werden, ein Qualitätssprung, der selbst den Frauenfußball von vor nur zehn Jahren bereits alt aussehen lässt – und daraus resultierend: Wachsendes Interesse der Fußballfans.

Das Argument, es würde sich nicht lohnen, in den Frauenfußball zu investieren, ist veraltet. Einige Klubs in England haben es nach anfänglichen Investitionen vor der Coronakrise geschafft, Gewinne zu erwirtschaften – beispielsweise Arsenal WFC. Wer glaubt, dieses Geschäft würde sich wirtschaftlich nicht rentieren, lebt in der Vergangenheit. Und auch sportlich gesehen gibt es viele Studien, die dem Frauenfußball eine atemberaubende athletische und taktische Entwicklung attestieren. Wie gut wird dieser Sport wohl in weiteren zehn Jahren anzusehen sein?

Deutschland hat großen Nachholbedarf

In Deutschland ist das leider noch nicht im notwendigen Ausmaß angekommen. Obwohl die angesprochenen Qualitätssprünge auch in der Bundesliga der Frauen spürbar sind und immer mehr Profiklubs aus dem Herrenbereich in eine Frauenabteilung investieren, geht es in der öffentlichen Wahrnehmung nur schleppend voran. Das Interesse ist nicht vergleichbar mit jenem in England, Spanien oder anderen Nationen.

Umfragen und Forschungen belegen das. Nicht aber ist vorrangig der Frauenfußball an sich das Problem, sondern die Präsentation des DFB und auch der medialen Öffentlichkeit– der Vergleich zu ähnlichen Fußballkulturen bestätigt das. Investitionen, Mut und Innovation führen vielerorts zu einem regelrechten Boom des Frauenfußballs. In England wird das Thema auch medial entsprechend gefördert und mit der notwendigen Tiefe behandelt – sicher nicht überall, aber in weitaus mehr Teilen als hier.

In Deutschland wird das Thema eher stiefmütterlich behandelt. Kommentator:innen bereiten sich spürbar mäßig auf die Spiele vor, in der Berichterstattung dominieren oft die Männer, wichtige Ereignisse wie das Pokalfinale werden zeitlich vor allem im Nachlauf zu eng getaktet – das sind nur wenige Beispiele, die zeigen, dass es großen Aufholbedarf gibt. Wer ein Produkt im Supermarkt in der hintersten Ecke irgendwo ganz unten platziert, sollte auch nicht erwarten, dass es häufig gekauft wird. Der internationale Vergleich zeigt nämlich, dass es dann gekauft wird, wenn es gut sichtbar auf dem Weg zur Kasse platziert wird.

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Von der staubigen Schublade des DFB in die fortschrittliche Zukunft

Veraltete und verkrustete Strukturen, die es ermöglichen, dass das absolute Top-Spiel zwischen den Bayern und Wolfsburg an einem Samstagnachmittag um 14 Uhr irgendwo im hinteren Programm des ÖRR stattfindet, sind womöglich nicht Teil, sondern eher Ursache des Problems. Immer wieder gibt es Spieltagsansetzungen, die in starker Konkurrenz zu jenen der DFL in der Männer-Bundesliga stehen – wer da den Kürzeren zieht, steht nicht zur Debatte.

Immerhin: Im Jahr 2021(!) ist es erstmals(!!) möglich, den kompletten Wettbewerb live zu verfolgen. Magenta Sport hat sich die Rechte gesichert und überträgt alle Spiele live und on demand. Ein Fortschritt. Wie weit man in Deutschland aber hinterher hinkt, zeigt der Blick nach England, wo es mit dem FA Player ein überragendes Angebot rund um die Spiele gibt. Dort ist ein echter Hype entstanden, der vor Corona auch für steigende Zuschauer:innenzahlen sorgte.

Der DFB hat den Frauenfußball viel zu lange in der Schublade einstauben lassen, als dass er das Vertrauen verdient hätte, die Aufbruchstimmung in Deutschland entfachen zu können. Einzelne Klubs und deren Vertreter:innen sowie viele Expert:innen fordern deshalb eigene Strukturen – so wie es einst die Männer-Bundesliga Anfang der 2000er Jahre getan hat.

DAZN als Hoffnungsträger für den Frauenfußball

Im März 2022 soll im DFB-Bundestag über eine Ausgliederung abgestimmt werden. Wenn der DFB nur einen Hauch Selbstreflexion hat, sollte er diesem Vorhaben nicht im Weg stehen. Es wäre das Beste, was er für den Frauenfußball in Deutschland tun kann.

Dass es hierzulande ein wenig stockt mit der Aufbruchstimmung, soll aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie sensationell sich der Fußball in den letzten Jahren global entwickelt hat. Die neu aufgelegte Champions League ist hier ein weiterer Meilenstein.

DAZN wird sie in mindestens drei Sprachen über die ganze Welt streamen – und das kostenfrei. Über den YouTube-Kanal des Anbieters wird jedes Spiel übertragen und – hoffentlich – wertschätzend behandelt. Von erweiterten Halbzeitanalysen und viel Berichterstattung vor Ort ist die Rede. Auch auf den sozialen Netzwerken will man sich um Reichweite und Aufmerksamkeit bemühen. Vielleicht können sie mit entsprechender Wertschätzung auch in Deutschland viel bewirken.

„The time is now“

Es sind große Versprechungen, die erst noch eingehalten werden müssen. Aber es ist ein Schritt für den Frauenfußball, der kaum zu überschätzen ist. Wenn am Abend die neu komponierte Hymne ertönt und Spielerinnen sowie Fans eine Gänsehaut beschert, wird allen, die diesen Sport bereits länger verfolgen, klar sein: Hier wird Fußballgeschichte geschrieben.

Von einem Auftakt in eine große Ära zu schreiben, wird der einen oder anderen skeptischen Person womöglich zu hoch gesteckt sein. Aber genau das ist es: Der Auftakt in eine große Ära. Frauenfußball wird endlich nicht nur groß gedacht, sondern auch groß umgesetzt.

Bleibt zu hoffen, dass die Hymne über den Gänsehautfaktor hinaus auf magische Art und Weise ein Umdenken beim DFB erzwingen kann. Der Frauenfußball wird seinen Weg jedenfalls gehen – ob mit oder ohne Deutschland und den DFB. Die UEFA-Reform ist dabei nur der Anfang. „The time is now.“


Die Gruppenphase der Women’s Champions League startet heute ab 18:45 Uhr. Die TSG Hoffenheim spielt gegen HB Køge, Olympique Lyon empfängt in der Bayern-Gruppe zum Auftakt Häcken. Ab 21 Uhr gibt es unter anderem das Top-Spiel des Arsenal WFC bei den Titelverteidigerinnen aus Barcelona. Die Bayern Frauen sind zudem zu Gast bei Benfica. Alles live bei DAZN und auf dem YouTube-Kanal von DAZN.




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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