EM-Notizen, Tag 16: Mapi León und Millie Bright – Innenverteidikunst

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Innenverteidigerinnen wie Mapi León, Millie Bright, Marina Hegering oder Wendie Renard spielen bei dieser Europameisterschaft groß auf. An Tag 16 der EM in England ist es mir ein inneres Bedürfnis, für mehr Wertschätzung für Innenverteidiger:innen zu werben.

Innenverteidiger:innen haben es im Fußball nicht leicht. Das, was gern auch über Torhüter:innen gesagt wird, gilt auch für sie: Machst du einen Fehler, bist du sofort der Depp. Einmal den Ball verstolpern, einen Zweikampf verlieren – du bist sofort im Fokus. Bei offensiveren Positionen oder auf der Außenbahn ist das anders. Dann halt beim nächsten Mal.

Von Innenverteidiger:innen wird im modernen Fußball viel verlangt. Sie sollen hinten abräumen und den Laden dicht halten, klar. Gleichzeitig sollen sie das Spiel gestalten. Innenverteidiger:innen müssen schnell, athletisch, spielstark, robust und intelligent sein. Im Idealfall machen sie vorne noch Tore bei Standards.

Eigentlich wird von ihnen verlangt, dass sie die Kernkompetenzen von nahezu allen Positionen vereinen können. Gut, den Ball mit der Hand spielen wie Torhüter:innen sollten sie eher nicht. Und obwohl diese Position so komplex ist und es faszinierend ist, wie Spieler:innen mit diesen Aufgaben wachsen, ist die Anerkennung vergleichsweise gering.

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Kaum Aufmerksamkeit für Innenverteidiger:innen

Der Ballon d’Or der Männer wurde 65-mal vergeben. Franz Beckenbauer (zweimal), Lothar Matthäus und Matthias Sammer gewannen ihn mehr oder weniger als Liberos, waren teilweise aber auch Mittelfeldspieler. Fabio Cannavaro war 2006 der erste moderne Innenverteidiger, der die Auszeichnung erhielt.

Bei den Frauen wurde sie erst dreimal vergeben. Eine Innenverteidigerin war noch nicht dabei. Warum ist das so? Vielleicht liegt es wirklich daran, dass Fehler schneller auffallen. Dribbelt sich Alexia Putellas mal fest, ist das weniger schlimm als ein Ballverlust im Spielaufbau durch eine Innenverteidigerin.

Dabei zeigte vor allem das gestrige Aufeinandertreffen zwischen England und Spanien mal wieder, wie entscheidend Innenverteidiger:innen sind. Millie Bright erhielt den “Woman of the Match”-Award der UEFA. Aus meiner Sicht hätte Mapi León diesen noch einen Tick mehr verdient, aber da Spanien ausgeschieden ist, war er ihr nicht vergönnt.

Mapi León: Ist das Kunst oder noch viel mehr?

Wenn Mapi León den Ball hat, scheint die Zeit kurz stehen zu bleiben. Zumindest für sie. Unter höchstem Druck wartet sie oftmals bis zum letzten Augenblick, um dann eine Entscheidung zu treffen: Tempoverschärfung oder sicherer Kurzpass? Fehler unterlaufen ihr dabei äußerst selten.

Dass ihre Passquote “nur” bei 81 % lag, hat auch damit zu tun, dass sie die Standards tritt und ihre Erfolgsquote bei langen Bällen (2/8) diesmal nicht so gut war wie in einigen anderen Partien. Trotzdem verliert sie fast nie den Ball. Sie gibt den Takt vor und entscheidet damit maßgeblich über den Spielrhythmus ihres Teams.

Druck scheint sie nicht zu kennen. Immer wieder wurde sie den physisch sehr starken Engländerinnen angelaufen. Das war der Spanierin aber ganz offensichtlich egal. Mit der Ruhe einer Frau, die mit 27 Jahren schon fast alles im Fußball erlebt hat, hat sie immer wieder gewartet, bis das englische Pressing kurz davor war zu greifen – und dann ließ sie ihre Gegenspielerinnen ins Leere laufen.

Ein Bild von Mapi León im Trikot des FC Barcelona. Nahaufnahme, der Oberkörper ist zu sehen.
Mapi León wechselte 2017 von Atlético Madrid zum FC Barcelona. Dort startete sie durch, gewann unter anderem die Champions League im Jahr 2021. (Foto: El Loko Foto)

Szenenanalyse: Drei Mapi-Pässe unter der Lupe

Das wirklich Beeindruckende dabei ist, wie zuverlässig sie die Situationen lesen kann. Sie scheint genau zu wissen, welche zwei Anschlussaktionen nach ihrem Zuspiel erfolgen. Wenn sie den Ball bekommt und ich das Video stoppe, kann ich oftmals nicht vorhersagen, wohin sie spielt. Mal überrascht sie mit Risikopässen, mal entscheidet sie sich für einen Querpass. Und selbst wenn ich mich frage, warum sie die vermeintlich freie Mittelfeldspielerin nicht anspielt, erkenne ich im Verlauf der weiteren Wiedergabe, dass das keinen Sinn ergeben hätte.

Eine Taktiktafel, auf der zu sehen ist, wie Mapi einen vertikalen Pass auf dem linken Flügel durch zwei Engländerinnen hindurch zur Mitspielerin spielt.

Dieser Pass nach rund zwei Minuten ist ein gutes Beispiel: Technisch ist er nicht sehr anspruchsvoll. Aufgrund der Drucksituation ist das Fehlerpotenzial aber erhöht. Mapi hätte hier wohl auf den Ball getreten und ihn zur Torhüterin gespielt, wenn sie nicht die freien Spanierinnen im Halbraum gesehen hätte. Nicht ein einzelner solcher Vertikalpässe, sondern die Vielzahl an richtigen Vertikalpässen machen sie zu einer besonderen Spielerin. Zumal sie in 99 % der Fälle genau die richtige Passschärfe und den richtigen Fuß anspielt.

Eine Taktiktafel, auf der zu sehen ist, wie Mapi einen halblangen Chipball über die pressenden Engländerinnen spielt und so das Pressing auflöst.

Auch dieser halblange Ball ist ein typisches Mapi-Beispiel. Es gibt nicht viele Innenverteidiger:innen, die in einer Drucksituation so eröffnen würden. Eine schlechte Ballannahme oder ein ungenauer Pass und das Zentrum ist offen für England. Doch Mapi vertraut sich selbst und ihren Mitspielerinnen. Der Ball kam an, Spanien löste das Pressing auf und hätte sogar selbst viel mehr aus dem Angriff machen können.

Eine Taktiktafel, die zeigt, wie Mapi einen scharfen Diagonalpass über gut 15 Meter an zwei bis drei Engländerinnen vorbei spielt.

Das hier war aber mein absoluter Lieblingspass. Es ist der Trademarkpass von Mapi León: Andribbeln, Pressing triggern und dann einen scharfen Diagonalpass in den Halbraum spielen. Die Komplexität und Ästhetik dieses Zuspiels kann ich mit einer simplen Grafik gar nicht wiedergeben. Einfach nur herausragend.

Mapi Léon: Auch defensiv sehr stark

Nicht selten kommt es bei Innenverteidiger:innen vor, dass sie entweder sehr stark im Spielaufbau oder sehr stark im Verteidigen sind – der jeweils andere Bereich fällt dann etwas ab. Vorwürfe in diese Richtung gab es in der Vergangenheit auch immer mal wieder in Richtung Mapi León.

Es steht außer Frage, dass sie mit 1,69 Meter Körpergröße nicht die kopfballstärkste Innenverteidigerin der Welt ist. Gegen England gewann sie nur zwei ihrer sieben Luftduelle. Aber sie hat einen Vorteil gegenüber den meisten anderen Spielerinnen: Sie antizipiert unfassbar klug und bringt ihren Körper meist in eine gute Ausgangsposition für Luftzweikämpfe. Das und ihre gute Sprungkraft verschaffen ihr Vorteile, die den körperlichen Nachteil meist ausgleichen. Gegen England klärte sie viermal per Kopf und selbst bei verlorenen Kopfballduellen gelang es ihr meist, zumindest entscheidend zu stören.

Am Boden ist sie sehr aggressiv, ohne aber zu überdrehen. Zweikampfführung und Stellungsspiel zählen zu ihren Stärken. Und selbst wenn sie sich mal etwas verschätzt, kann sie mit Tempo gut rückwärts verteidigen. Ich schrieb neulich, dass Wendie Renard für mich die beste Innenverteidigerin der Welt ist. Vermutlich denke ich das, weil ihre physische Präsenz so unvergleichlich ist. Mapi León muss sich vor ihr aber nicht verstecken.

Millie Bright: Anders Weltklasse als Mapi León

Und dann war da gestern noch diese Millie Bright. Wenn bei der EM über Wendie Renard, Marina Hegering oder eben Mapi León gesprochen wird, dann geht sie meist etwas unter. Das liegt daran, dass ihr Spiel unauffälliger ist. Ihr Spielaufbau ist gut, aber nicht überragend.

Trotzdem gehört sie ebenfalls zu den besten Spielerinnen des bisherigen Turnierverlaufs. Ihre Präsenz in Englands Defensive ist enorm wichtig für Trainerin Sarina Wiegman. Die 28-Jährige gewann alle vier Kopfballduelle und klärte darüber hinaus dreimal per Kopf. Sie gewann fast all ihre Zweikämpfe, klärte unter anderem einmal entscheidend gegen Mariona. In der Phase vor dem Ausgleich half sie sogar als Stürmerin aus.

Und wenn ich meine, dass ihr Spielaufbau “gut” ist, dann ist das keine Kritik. Acht ihrer 16 langen Bälle kamen an, insgesamt ist eine Passquote von 78 % gegen Spaniens Pressing positiv zu bewerten. Sie spielt vielleicht mehr Sicherheitspässe als andere und lässt sich leichter mal zu unkontrollierten langen Bällen verleiten. Aber gegen Spanien war sie ein wichtiger Faktor für den Spielaufbau.

Bright hat mittlerweile eine riesige Erfahrung. Die Spielerin vom FC Chelsea tritt deutlich selbstbewusster auf als noch vor einigen Jahren. Ihre Leistungen bei der EM unterstreichen, dass ihr der Sprung in die Weltklasse mittlerweile gelungen ist.

Innenverteidigerinnen prägen das Turnier

Es liegt in der Natur der Sache, dass wir oft über Tore, Dribblings und Strafraumaktionen sprechen. Dennoch sollten die Kunst des Verteidigens und insbesondere die komplexe Rolle der Innenverteidiger:innen dabei nicht zu kurz kommen.

Die Protagonistinnen dieses Turniers sind für mich bisher die Innenverteidigerinnen. Es macht unfassbar viel Spaß, Spielerinnen wie Marina Hegering, Wendie Renard, Millie Bright, Magdalena Eriksson oder eben dem spanischen Duo Irene Paredes und Mapi León zuzusehen.

Leider werden wir die beiden Letztgenannten jetzt eine Weile nicht mehr sehen. Aber schon heute Abend geht es ja weiter. Und neben Hegering sollten auch die bisherigen Leistungen von Kathy Hendrich, Carina Wenninger und Viktoria Schnaderbeck nicht unterschätzt werden. Es wäre schön, wenn all diese Spielerinnen noch mehr Wertschätzung erfahren würden.

Ausblick auf den EM-Tag

Bei aller Euphorie: Heute entscheidet sich für Deutschland so einiges. Wenn sie gegen Österreich ausscheiden, war die makellose Gruppenphase für die Katz. Ein weiteres Viertelfinal-Aus wäre nicht weniger als eine Enttäuschung. Zumal Deutschland favorisiert in dieses Duell geht.

Und genau das macht dieses Duell so schwer – mal ganz zu schweigen von bisher starken Österreicherinnen. Der Druck liegt bei Deutschland und die Deutschen können mehr verlieren als Österreich. Auf der anderen Seite wäre das Erreichen des Halbfinals bereits als Erfolg zu werten. Ohne mich jetzt schon zu tief mit dem nächsten Schritt auseinandersetzen zu wollen: Spätestens ab dem Halbfinale wird ohnehin viel vom Glück abhängen. Siehe gestern.

Weitere Beobachtungen

  • Das VAR Pech, Spanien. Die Spanierinnen zeigen ihre beste Turnierleistung und müssen trotzdem nach Hause fahren. Das ist sehr schade. Fußballerisch haben sie gestern den besseren Eindruck gemacht. Sie kamen besser mit dem Druck klar, hatten mehr gute Angriffsaktionen und rissen das Spiel zunehmend an sich. Selbst nach dem 1:2-Rückstand gaben sie nicht auf. Das 1:1 nervt die Spanierinnen aber zu Recht viel mehr. Ich finde: Die Schiedsrichterin hätte sich das zwingend nochmal ansehen müssen. In so einer spielentscheidenden Szene ist das aus meiner Sicht unabdingbar. Aus ihrer Position heraus kann sie sich niemals sicher gewesen sein. Und entweder geht meine Kritik an sie, wenn sie dem VAR kommuniziert hat, dass sie sich sicher sei. Oder eben an den VAR, wenn er trotz Anlass kein Signal gab.
  • Die grandiose Stimmung habe ich bereits mehrfach genannt. Gestern war sie nochmal um einiges besser. Es ist schön zu sehen, wie bedingungslos das englische Publikum das Team unterstützt.
  • Auch die Außenverteidigerinnen von Spanien haben einen tollen Job gemacht. Lauren Hemp gewann kein Dribbling und verlor fünfmal den Ball. Auch Beth Mead gelang kein erfolgreiches Dribbling. Ona Batlle (rechts) und Olga Carmona (links) standen ihnen sofort auf den Füßen und ließen sie so gut wie nie an sich vorbei. Das war die halbe Miete in der Arbeit gegen den Ball.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zu meiner letzten EM-Notiz, in der ich auf alle vier Viertelfinals geblickt habe.

Für das Foto von Mapi León bedanke ich mich ganz herzlich bei Sven alias El Loko Foto. Hier geht es zu seinem Instagram-Kanal, hier zu seiner Website und hier könnt ihr ihm bei Twitter folgen.




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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