EM-Notizen, Tag 19: Niederlande verliert Anschluss zur Spitse

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Die Niederländerinnen verabschieden sich mit einer 0:1-Niederlage von der Europameisterschaft in England. Mit dem Ergebnis können sie letztendlich noch zufrieden sein.

Es war nicht das Turnier der Niederländerinnen. Verletzungen, die Abreise von Lieke Martens, Corona bei der Top-Torjägerin Vivianne Miedema, letztendlich sogar vermeintlicher Ärger zwischen Trainer Mark Parsons und Jill Roord – und das frühe Aus im Viertelfinale gegen Frankreich.

Mit 0:1 verloren die Niederländerinnen und was sich knapp liest, war sehr deutlich. 33 Abschlüsse, 4,45 erwartbare Tore und vier Großchancen auf Seiten der Französinnen sprechen eine klare Sprache. Dabei war es eine ähnliche Situation wie am Tag zuvor bei Schweden gegen Belgien.

Denn fehlerfrei agierte Frankreich nicht. Und auch wenn die Begleitumstände nicht in die Karten von Oranje spielten, präsentierten sie sich bei dieser Europameisterschaft zu verunsichert, um wirklich eine Gefahr für ein Top-Team zu sein.

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Niederlande: Vorsichtig und drucklos

Mark Parsons hat daran seinen Anteil. In allen vier Spielen gab es kaum Momente, in denen die Niederländerinnen wirklich druckvoll waren. Dass er sein Team gegen Frankreich nicht ins offene Messer schicken möchte, leuchtet ein. Andererseits gab es so gut wie keine offensiven Umschaltmomente.

Entweder wurde der Ball erst spät und tief in der eigenen Hälfte gewonnen oder Frankreich brachte seine Angriffe zum Abschluss. Der der Aufstellung zu entnehmende Plan, über Tempoangriffe zum Erfolg zu kommen, ging nicht auf.

Es liegen vor allem fußballerisch Welten zwischen den Niederländerinnen bei dieser Europameisterschaft und Oranje unter Sarina Wiegman. Und mindestens eine zwischen dem aktuellen Team und Frankreich.

Welten zur Niederlande von 2017

Erinnert man sich zurück an den Aufbruch, den der niederländische Fußball der Frauen nach dem EM-Triumph 2017 erlebt hat, ist das durchaus eine Enttäuschung. Der Kader hätte trotz der Rückschläge mehr hergegeben.

Dass Parsons freiwillig auf eine Spielerin wie Jill Roord verzichtet, unterstreicht den zurückhaltenden und wenig selbstbewussten Ansatz. Es wurde spekuliert, dass dem Trainer eine Aussage von Roord hinsichtlich seiner Spielbesprechung nicht gefallen habe.

Roord hatte kritisiert, dass es zwei unterschiedliche Fußballkulturen wären, die da aufeinandertreffen würden und Parsons zu lange Ansprachen gehalten habe, man das aber im Gespräch geklärt habe. In den Niederlanden schlug das hohe Wellen.

Niederlande: Parsons hat einen schweren Stand

Aktuell deutet einiges darauf hin, dass Parsons beim Team keinen guten Stand hat. Ob die Entscheidung gegen Roord eine rein taktische war oder ob es tatsächlich mit den Aussagen der Wolfsburgerin zusammenhängt, lässt sich nicht abschließend klären.

Allerdings lässt sich sagen, dass es dem niederländischen Spiel nicht gut getan hat. Ohne Roord musste die zuvor an Corona erkrankte Miedema viele unnötige Wege ins Mittelfeld machen. Wege, die ihr sicher auch Kraft für die Schlussphase des Spiels genommen haben.

Auch mit Roord hatte Oranje keine Feldüberlegenheit. Aber die Ballzirkulation lief erheblich besser und Miedema konnte auf ihrer Position bleiben. Roord hat eine große Bedeutung für das niederländische Spiel zwischen den Linien. Selbst wenn es eine taktische Entscheidung von Parsons war, so war es wohl keine sonderlich gute.

Niederlande: Wenig übrig vom einstigen Spektakel

Es bleibt zu hoffen, dass die Niederlande in Zukunft wieder deutlich mehr in Richtung Offensive denkt. Ich glaube, dass das die einzige Möglichkeit gewesen wäre, bei diesem Turnier besser abzuschneiden.

Die wenigen guten Momente hatte Oranje immer dann, wenn sie nach vorn gezwungen wurden. Gegen Schweden, gegen die Schweiz, aber eben auch am Ende gegen Frankreich.

Sarina Wiegmans Handschrift ist nicht mehr zu erkennen. Und das ist sehr schade. Vom einstigen Spektakel in Orange bleiben viel Passivität, Vorsicht und wenig erkennbare Struktur zurück. Das ist schade, wenn man bedenkt, wie begeisternd dieses Team vor einigen Monaten noch sein konnte.

Weitere Beobachtungen

  • Im Vergleich zu vielen anderen Partien bei dieser EM ging diesem Duell die Intensität ein wenig ab. Das meine ich einerseits positiv, weil beide Teams technisch sehr starke Spielerinnen haben. Andererseits ist es bei beiden ein großes Problem, dass sie immer wieder in lethargische Phasen verfallen, in denen sie anfällig für einfache Fehler sind. Dass beide eine Passquote von um die 80 % hatten, spricht nicht für das jeweilige Pressing der Teams.
  • Zu van Domselaar hatte ich mich hier bereits geäußert. Wer sich selbst überzeugen möchte, sollte dieses Spiel gegen Frankreich nochmal anschauen.

Hör- und Leseempfehlungen

Ich hatte gestern und heute nicht so viel Zeit für Lektüre und Podcasts. Mehr ist heute nicht drin. Morgen pausieren meine EM-Notizen und ich freue mich schon sehr darauf, die Beine mal hochzulegen. Wir lesen uns dann am Dienstag wieder!

Hier geht es zum letzten Tagebucheintrag.

Bild: © Canva

Kategorien: EM 2022

Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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