Wolfsburg nach Sieg gegen Barca zwischen Stolz und Enttäuschung

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Der VfL Wolfsburg gewinnt in der Women’s Champions League mit 2:0 gegen den FC Barcelona und rehabilitiert sich für die 1:5-Niederlage im Hinspiel vor einer Rekordkulisse. Das Gefühl des Stolzes ist anschließend größer als jenes der Enttäuschung – zu Recht?

Bericht aus der Volkswagen Arena in Wolfsburg.

“Ich hätte gern erlebt, was passiert wäre, wenn wir noch das dritte Tor machen”, sagte Tommy Stroot auf der Pressekonferenz nach dem Rückspiel im Champions-League-Halbfinale gegen den FC Barcelona. Eine Mischung aus Stolz und Enttäuschung sei es, die ihn nach dem 2:0-Sieg seines Teams begleite. Letztendlich überwog aber doch der Stolz.

Das war auch den Spielerinnen des VfL Wolfsburg anzumerken, die ihre Runde durch die Volkswagen Arena nach Abpfiff sichtlich genießen konnten. 22.057 Menschen waren gekommen – eine Rekordkulisse für den Klub. Selbst ein paar dutzend mitgereiste Barcelona-Fans, die schon weit vor Anpfiff eine große Auswärtsparty veranstalteten, applaudierten und feierten die Wölfinnen für einen starken Auftritt.

Es war in dieser Saison das erste Mal, dass sie eine Niederlage ihres Teams mit ansehen mussten. Bisher hatte Barca alle Spiele gewonnen. Die Stimmung vermieste das aber nicht. Ohnehin war die Atmosphäre beeindruckend – auch und insbesondere nach Abpfiff.

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Mit den Eindrücken des Rückspiels war das Ausscheiden in der Form durchaus bitter. Verloren habe man das Duell im Hinspiel, waren sich Trainer Stroot und Torschützin Tabea Wassmuth hinterher einig.

Wolfsburg mit zwei unterschiedlichen Halbzeiten gegen Barca

Zur Wahrheit gehört auch, dass der VfL etwas Glück benötigte, um die Geschichte so schreiben zu können, wie sie jetzt in den Büchern steht. Auch in der ersten Halbzeit des Rückspiels war der FC Barcelona das klar bessere Team mit den besseren Chancen. Ein frühes Tor hätte die Hoffnungen in Grün-Weiß wohl schnell zerstört.

Der Ball lief bei Barca wie an der Schnur über den Platz. Wolfsburg fehlte nahezu jeglicher Zugriff und aus den rund 30 Prozent Ballbesitz in der ersten Hälfte konnten sie kaum nennenswerte Chancen herausspielen. In der 34. Minute tauchte Jill Roord gefährlich vor Sandra Panos auf, als Ewa Pajor sie nach einem Ballgewinn tief schickte. Die Niederländerin verpasste die Führung aber, die zu diesem Zeitpunkt aus dem Nichts gekommen wäre.

“Wir mussten in diesem Spiel einen gewissen Glauben zurückfinden”, analysierte Stroot anschließend den holprigen Start ins Spiel: “Weil wir wissen, dass wir im Hinspiel keine Kontrolle hatten. Von daher war die erste Halbzeit erstmal die Basis für die mutige zweite Halbzeit.”

FC Barcelona: Das ist der große Unterschied zum VfL

Schon rund um diese Chance von Roord fand Wolfsburg zunehmend besser ins Spiel, was sich vor allem daran bemerkbar machte, dass Barcelona weniger Großchancen hatte als noch im Hinspiel. Wolfsburg verteidigte insgesamt besser und kompakter.

Sveindis Jane Jonsdottir hatte daran einen großen Anteil. Die 20-Jährige verteidigte auf der rechten Seite teilweise als Flügelverteidigerin, um die gefährlichen Seitenverlagerungen der Gästinnen zu verteidigen. Anhand dieser machte sich womöglich auch der größte Unterschied zwischen beiden Teams bemerkbar.

In der 14. Minute hatte der VfL die Chance mit einer solchen den rechten Flügel zu öffnen, indem der Ball auf Rechtsverteidigerin Lynn Wilms verlagert wird, oder die tief startende Jonsdottir zu schicken. Lena Lattwein entschied sich für den langen Ball in die Tiefe, dieser verunglückte aber komplett.

Szenenanalyse: Barca mit Kurzpassspiel und präzisen Diagonalbällen

Barcelona hingegen spielte eine präzise Verlagerung nach der anderen und brachte Wolfsburg konsequent ins Laufen. Ihr schnelles Kurzpassspiel ist die eine Waffe, die oft darauf folgenden Diagonalbälle machen es aber nochmal schwerer, ihre Angriffe zu verteidigen.

Der VfL Wolfsburg im Spielaufbau gegen den FC Barcelona.

In dieser Szene ist das exemplarisch nachzuvollziehen. Die Staffelung im Mittelfeld war fast durchgängig optimal – weil die Spielerinnen ständig in Bewegung waren, sich dabei aber nicht gegenseitig die Räume wegnahmen. Patricia Guijarro agierte auf der Sechserposition etwas tiefer, davor sorgten Alexia Putellas und Aitana Bonmati für Angebote in den Achterräumen. Die beiden waren die wichtigsten Spielerinnen, um den Pressingdruck der Wölfinnen ständig ins Leere laufen zu lassen.

In der Innenverteidigung war Maria Pilar Leon die wichtigste Aufbauspielerin, aber auch Irene Paredes Hernandez agierte mutig. Immer wieder dribbelten beide an und fanden anschließend freie Optionen im Mittelfeld.

Der VfL Wolfsburg im Spielaufbau gegen den FC Barcelona.

Hier ließ sich Jennifer Hermoso fallen. Die 31-Jährige spielte direkt zurück auf Guijarro, die kurz andribbelte und anschließend mit einem präzisen Diagonalball auf Fridolina Rolfö verlagerte.

Der VfL Wolfsburg im Spielaufbau gegen den FC Barcelona.

Schneller, dynamischer und effizienter Fußball. Im Hinspiel wäre daraus womöglich eine Großchance entstanden. Aber hier lässt sich auch gut erkennen, was Wolfsburg im Vergleich zum Hinspiel besser löste: Jonsdottir war sofort an Rolfö dran, obwohl Außenverteidigerin Wilms aus der Viererkette herausrückte. Der Druck auf den Ball war dementsprechend höher als vor einer Woche.

Wolfsburg mit der Führung – und dem Eisbrecher

Wolfsburg fehlte lediglich das Quäntchen Präzision, um im offensiven Umschaltspiel nennenswerte Chancen herauszuarbeiten. Es schien, als würden sie ein Erfolgserlebnis brauchen, um Barca endgültig den Schneid abkaufen zu können.

Und genauso kam es dann auch. “Wir wurden mit jeder Minute mutiger und mutiger”, sagte Stroot, der ebenso wie sein Trainerkollege Jonatan Giraldez das 1:0 als Schlüssel zur besseren zweiten Halbzeit ausmachte. Der Abschluss von Wassmuth nach einer Standardsituation eröffnete den zweiten Durchgang optimal für Wolfsburg. Die Führung sei “sehr wichtig für das gegnerische Team” gewesen, sagte der Barca-Trainer: “Wir haben heute mehr Bälle verloren als normalerweise.”

Ein Verdienst der dann mutigeren Spielweise des VfL. Erstmals im gesamten Duell griff das hohe Pressing so, dass Barcelona ungewohnte Nervosität am Ball zeigte. Auch die Wechsel der Gästinnen erwiesen sich nicht als förderlich. Plötzlich spielten sie ungewohnt viele unkontrollierte lange Bälle.

Wolfsburg: Furiose Schlussphase ohne Happy End

Nach dem 2:0 durch Roord hatte Wolfsburg jeweils in der 79. und 83. Minute gute Angriffe, die im 3:0 hätten münden können, vielleicht sogar müssen. In der Schlussphase des Spiels waren sie drauf und dran, das Wunder vom Mittellandkanal zu realisieren. Doch es sollte nicht mehr gelingen.

Wolfsburg konnte sich dennoch rehabilitieren. Sie haben unter Beweis gestellt, dass das Hinspiel trotz der unbestreitbaren Klasse des FC Barcelona eher ein Ausrutscher war und der Abstand zur Weltspitze kleiner ist, als vor einer Woche noch anzunehmen war. Die Atmosphäre im Camp Nou, der frühe Rückstand, die Dynamik des Spiels – all das hat dazu beigetragen, dass selbst diesen so erfahrenen Spielerinnen die Knie etwas weich wurden.

Diesmal war die Körpersprache eine andere. Von Erfahrungen, aus denen sich die Spielerinnen weiterentwickeln müssen, sprachen bezeichnenderweise beide Trainer hinterher. “Für mich ist immer der Prozess ein entscheidender Faktor”, erklärte Stroot: “Das 5:1 tat richtig weh, aber der Prozess, genau in so einer Woche das wieder zu verfolgen und zu sehen, wie die Spielerinnen wieder aufstehen und einen Glauben entwickeln, um dieses Spiel so anzugehen” habe ihm besonders imponiert.

Wolfsburg-Trainer Tommy Stroot: “Wir freuen uns bereits auf die nächste Champions-League-Saison”

Wolfsburg geht dann doch mit erhobenem Haupt aus der Champions League. Sportlich ist das aufgrund der ersten drei Halbzeiten verdient. Der letzte Eindruck ist dennoch ein positiver.

Die große Frage, und die betrifft nicht nur den VfL, sondern auch den FC Bayern München und andere deutsche Teams, ist, wie man den Abstand vor allem auf technischem und taktischem Niveau zum FC Barcelona verringern kann. Und so ist der Stolz auf dieses Rückspiel und die Atmosphäre mit über 22.000 Zuschauerinnen und Zuschauern absolut berechtigt.

Aus der gleichzeitig bestehenden Enttäuschung sollte dennoch die realistische Einschätzung erfolgen, dass es zumindest gegen den FC Barcelona recht klar nicht gereicht hat. “Wir freuen uns bereits auf die nächste Champions-League-Saison”, blickte Stroot in die Zukunft. Dann wird Wolfsburg einen neuen Anlauf starten – mit hochkarätigen Neuzugängen wie Jule Brand, Marina Hegering, Sara Agrez und Merle Frohms.

Und einem Trainer, der großen Spaß dabei verspürt haben dürfte, den Entwicklungsprozess der Wölfinnen in dieser Saison zu beobachten. In der Hinrunde hätten ihnen nur wenige ein solches Spiel gegen das aktuell wohl beste Team der Welt zugetraut. Der Beigeschmack des desolaten Hinspiels bleibt dennoch erhalten.



Kategorien: Blogbeitrag

Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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