EM-Notizen, Tag 21: England gegen Schweden – drei Schlüsselduelle

Veröffentlicht von Justin Kraft am

Die vier favorisierten Teams haben sich im Viertelfinale der EM durchgesetzt und stehen nun im Halbfinale. Hier kommen drei Schlüsselduelle, die das Duell zwischen England und Schweden entscheiden könnten.

Hätte ich mir vor dem Turnier ein Traumfinale ausmalen können, dann hätte es so ähnlich ausgesehen. Weil ich das spanische Team in den letzten zwei, drei Jahren und vor allem in Vorbereitung auf den Rasenfunk seit Februar so eng begleitet habe, hätte ich mir gewünscht, dass sie es bis ins Halbfinale schaffen.

Auch Italien hatte ich auf dem Zettel. Eine große Überraschung im Halbfinale wäre doch schön gewesen. Diesen Job übernahm nun beinahe Belgien. Letztendlich setze sich aber ein Team durch, das ich zuvor sogar als kommende Europameisterinnen getippt hatte: Schweden.

Die Gastgeberinnen aus England, die Silbermedaillengewinnerinnen von Olympia, Frankreich als absolutes Top-Team mit Offensivdrang und Deutschland, die es tatsächlich geschafft haben, uns alle zu überraschen – ich hätte dieses Halbfinale vor dem Turnier trotz meiner beschriebenen Hoffnungen und Tipps wohl auch so genommen.

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England gegen Schweden: Drei Schlüsselduelle

Schweden war für mich von Beginn an favorisiert. Sie haben eine riesige Turniererfahrung im Kader und konnten ihre Form über einen langen Zeitraum auf Top-Niveau halten. Ausgerechnet bei der EM habe ich nun aber den Eindruck, dass vieles nicht passt. Die einstige defensive Stabilität ist etwas verloren gegangen. In jedem Spiel gab es bisher Möglichkeiten, Schweden defensiv zu knacken.

Und auch offensiv haben sie Probleme. Viele Tore fielen nach Standardsituationen. Die Schwedinnen tun sich schwer damit, ihre mitunter gut initiierten Angriffe zu Ende zu spielen. Viele Fernschüsse und hohe Zufallsflanken sind das Resultat.

England könnte ihnen aber durchaus liegen. Bisher hat sich jedes Team damit abgefunden, dass die Schwedinnen viel Ballbesitz haben würden. Selbst die Niederlande presste in den meisten Phasen sehr verhalten, was dazu führte, dass es für Schweden nicht so leicht war, sich Räume zu erspielen.

Schlüsselduell 1: Englands Spielaufbau gegen Schwedens Pressing

Genau das könnte der erste entscheidende Knackpunkt für dieses Halbfinale werden. Es ist zu erwarten, dass England mehr Ballbesitz haben wird. Schweden spielt das vielleicht in die Karten, weil sie sich auf eine ihrer größten Stärken fokussieren können. Die Arbeit gegen den Ball war über Jahre eine der Kernkompetenzen des Teams.

In den letzten Jahren haben sie auch ihr Ballbesitzspiel deutlich weiterentwickelt, aber gerade im bisherigen Turnierverlauf hat sich mal wieder gezeigt, dass sie mit tiefstehenden und gut organisierten Teams Probleme haben. Gut organisiert ist England auch, aber Schweden wird mehr Möglichkeiten haben, sich offensive Umschaltmomente zu erarbeiten.

Zumal England nicht immer sattelfest wirkte, wenn Gegnerinnen ihren Spielaufbau unter Druck setzten. Bereits vor dem Viertelfinal-Duell mit Spanien hatte ich das hier analysiert – gegen Spanien selbst hat sich das dann bestätigt. Schweden bewegt sich im Pressing sehr klug, schafft es häufig den Spielaufbau auf die Flügel zu lenken und dort die Bälle zu erobern. England hat zwar die Qualität, sich aus solchem Druck spielerisch zu lösen, ist in diesem Bereich aber bei weitem nicht so sattelfest wie beispielsweise Spanien.

Englands Spielaufbau gegen Schwedens Pressing – das dürfte ein sehr entscheidendes Schlüsselduell werden.

Schlüsselduell 2: Stanway und Asllani – Kampf um die Zwischenlinienräume

Beide Teams hatten im Turnierverlauf einige sehr schön vorgetragene Angriffe. Beide hatten aber auch Probleme, wenn sie nicht in den Raum zwischen der gegnerischen Abwehr- und Mittelfeldkette kamen. Bei den Engländerinnen war Georgia Stanway häufig der Schlüssel zum Erfolg, auf der anderen Seite hat Kosovare Asllani ein sehr starkes Turnier gespielt.

Stanway kommt eher mit Tempo aus einer Achter- oder gar Sechserposition und stößt dann mit Dribblings und/oder Kombinationen in die gefährlichen Räume vor. Asllani ist meist schon offensiver positioniert und lässt sich fallen, um eine Gegenspielerin aus ihrer Position zu ziehen oder selbst anspielbar zu sein. Beide sind technisch sehr stark und können sich auf engstem Raum behaupten.

Das gilt auch für viele andere Spielerinnen auf dem Platz, weshalb sie stellvertretend für ein grundlegendes Schlüsselduell genannt werden: Wie schaffen es beide Teams, das Zentrum und die Halbräume zu schließen? Und welche Lösungen finden sie jeweils, um selbst offensiv genau diese Zonen bespielen zu können?

Strukturell sind beide sehr flexibel. Sarina Wiegman hat mit England kurz vor dem 1:1-Ausgleich gegen Spanien auf eine Dreierkette umgestellt, die sie bereits beim Arnold Clark Cup und auch anderweitig schon mal testete. Peter Gerhardssons Schweden spielt wie England häufiger mit Viererkette, hat die Dreierkette aber ebenso im Werkzeugkasten, wie sie bei diesem Turnier beispielsweise gegen die Niederlande zeigten. Dadurch ändert sich automatisch etwas im Mittelfeld und/oder im Angriff.

Den Unterschied könnte hier tatsächlich die individuelle Klasse Englands machen, die abseits von gruppentaktischen Elementen mehr Tempo und Dynamik durch einzelne Spielerinnen erzeugen können. Auf der anderen Seite verfügt Schweden über einige sehr gut ausgebildete Außen- und Inenverteidigerinnen, die in den letzten Jahren auf höchstem Niveau ihre Klasse nachgewiesen haben.

Schlüsselduell 3: Brightenverteidigung bei England

Gehen wir mal einfach davon aus, dass die ersten beiden Schlüsselduelle recht ausgeglichen verlaufen werden – so wie wir es bei den meisten Top-Spielen des Turniers bisher erlebt haben. Dann dürfen wir uns vermutlich auf viel Flügelspiel einstellen. Schweden greift ohnehin gern über die Außenverteidigerinnen an. Da Hanna Glas zurückgekehrt ist, werden wohl viele Angriffe über ihre Seite laufen.

England kann sich damit auf viele Flanken einstellen. Zumal Rachel Daly wahrscheinlich auf der Glas-Seite verteidigen wird (außer Gerhardsson stellt die Bayern-Spielerin auf der linken Seite auf). Die 30-Jährige wirkte nicht immer sattelfest. Aber: Dank einer sehr kopfballstarken Innenverteidigung hatte England mit Flanken bisher so gar keine Probleme. Wird sich das gegen Schweden erstmals ändern?

Vor allem Millie Bright ist sehr kopfballstark. Es wird spannend zu sehen, ob und wie Schweden sein Spiel umstellen kann, wenn sie merken, dass Flanken nicht viel bringen. Im Schnitt stehen sie aktuell bei 23,6 pro Spiel – viele davon werden mit der Hoffnung in den Strafraum geschlagen, dass man entweder die zweiten Bälle erobert oder am zweiten Pfosten eine Spielerin einläuft.

Ausblick auf den EM-Tag: Prognose

Im Viertelfinale hatte ich ein gutes Händchen. Schauen wir mal, ob es eine Fortsetzung gibt. Ich tippe auf einen sehr knappen Sieg für Schweden. Ich glaube, dass in diesem Duell ein viertes Schlüsselduell einen noch größeren Unterschied machen könnte als die drei genannten: die Erfahrung. Schweden ist bisher dieses typische Top-Team, bei dem immer die Frage mitschwimmt, ob sie mittlerweile über ihrem Zenit sind.

Ein hohes Durchschnittsalter, wenig junge Talente im Kader, bisher eher zähe Auftritte – aber wie ich zuletzt schon geschrieben habe: Unterschätzen sollte man dieses Team nicht. Sollten sie es defensiv schaffen, Englands Dynamik einzufangen, könnten Geduld und Erfahrung am Ende ausschlaggebend sein. Und hier sehe ich Schweden vorn. Ich tippe ein spektakuläres 3:2 nach Verlängerung für Schweden.

Hör- und Leseempfehlungen

Hier geht es zur letzten EM-Notiz.

Bild: © Canva




Justin Kraft

Quereinsteiger im Bereich Sportjournalismus. Blogger, Podcaster, Autor. Taktik-, Team- und Spieler:innenanalysen sowie Spielberichte zählen zu meinen Kernkompetenzen. Mein Antrieb ist es, die komplexe Dimension des Spiels zu verstehen und meine Erkenntnisse möglichst verständlich weiterzugeben. Journalistisch. Analytisch. Fundiert.

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